Kultur : Und Nora sagte einfach Ja

Wie die Liebe ein Jahrhundertbuch gebar: Dublin feiert den Geburtstag von James Joyces „Ulysses“

Ulrich Peltzer

Am 16. Juni vor hundert Jahren kam es in Dublin am Ufer der Liffey zu einem Rendezvous, an dem beteiligt waren: ein Zimmermädchen namens Nora Barnacle und ein Absolvent des Trinity College namens James Joyce, der sich nach einer glänzenden Schulkarriere als Jesuitenzögling auf dem besten Weg befand, ein vollwertig verkrachtes Mitglied der lokalen Bohème-Intelligentsia zu werden. Notorisch nüchtern legt sein jüngerer Bruder Stanislaus davon Zeugnis ab, wie ihn die Saufkumpane im Morgengrauen nach Hause tragen, Joyces Hut als Feldzeichen oben auf einen Spazierstock gepflanzt, oder wie er in der Küche mit dem Vater, einem Bankrotteur und Schwadroneur vor dem Herrn, über die Frage in Streit gerät, wer im Augenblick eigentlich bezechter und also verachtenswürdiger sei.

Was ihn, der damals außer ein paar Zeitungsartikeln und Gedichten nichts veröffentlicht hatte, vom Rest seiner Bande unterschied, war die hybride Gewissheit, eines fernen Tages zum bedeutendsten Schriftsteller Irlands (wenn nicht der Welt) aufzusteigen, eine Gewissheit, die weder Geldnot und Krankheiten noch begriffsstutzige Verleger oder Zensurbehörden zu durchkreuzen vermochten. Allein ein riesenhaftes Hindernis versperrte diese Laufbahn. Das war Dublin, die Stadt, die er erschreiben, auseinander nehmen und neu zusammenbauen wollte, ein mythischer Ort, dem er jede Zeile seiner künftigen Bücher widmete, Phantasma und Alptraum, Sehnsuchtskosmos und praktische Unmöglichkeit.

Ein erster Fluchtversuch nach Paris war gescheitert, der elende Tod der Mutter hatte das prekäre Gefüge der fast mittellosen, kinderreichen Familie zum Einsturz gebracht. In Aussicht stand dem seit Kindesbeinen manischen Leser eine mickrige Existenz als Lehrer oder Bürovorsteher mit literarischen Ambitionen, die unweigerlich dort Schiffbruch erleiden würden, wo in Irland traditionell Begabungen versinken: am Tresen.

Abhauen, das Wort muss in seinem Kopf unablässig herumgegangen sein, nur wohin und vor allem mit wem. Zwar ließ sich auf dem Kontinent eine Stelle bei der Berlitz School organisieren, doch schien die Hoffnung, eine Frau könnte ihn begleiten oder gar heiraten, illusionär zu sein. Wer würde ihn, der keinen Penny auf der Naht hatte, schon wollen.

Natürlich wusste Nora Barnacle davon nichts, als Joyce sie auf der Straße ansprach. Es hätte sie auch wenig interessiert, so wenig wie die lächerlichen Intrigen und Empfindlickeiten des Betriebs, dem im Dublin der Jahrhundertwende neben William Butler Yeats Gestalten vorsaßen, deren Namen heute zu Recht vergessen sind. Jedenfalls nahm Nora seine Einladung zu einem abendlichen Spaziergang schnell an, denn moralische Konventionen kannte sie in der Praxis nicht. Dass es schon bei diesem ersten Treffen zu intimen Handgreiflichkeiten von ihrer Seite kam, muss den angehenden Schriftsteller, dessen sexuelle Erfahrungen das Resultat verschämter Bordellbesuche waren, gehörig irritiert haben. In seinem „Portrait of the Artist as a Young Man“ nimmt die diesbezügliche Schilderung von Sünde und Höllenqualen beträchtlichen Raum ein. Kaum mehr als Fremde füreinander, machten sich die beiden kurze Zeit später tatsächlich auf die Flucht, um nach einigen Irrwegen in Triest zu landen, wo sie es aushielten bis zum Ende des Weltkriegs. Mit zwei kleinen Kindern von Wohnung zu Wohnung ziehend, waren sie Exilierte aus eigenem Willen, die ihre Verbindung erst 20 Jahre später auf einem französischen Standesamt legalisieren ließen. Da war Joyce bereits eine Legende, Autor des „Ulysses“, der an einem work in progress arbeitete, das unter dem Titel „Finnegan’s Wake“ das Erzählen an einen singulären Punkt von Verdichtung und Schönheit treibt.

Und Nora stets an seiner Seite, ein denkbar ungleiches Paar, das sich in einem raren Moment des Glücks gefunden hatte: Penelope und Odysseus, Leopold Bloom und Molly, Anna Livia Plurabelle und Humphrey Chimpden Earwicker. Dass er dieser Frau, die seine Bücher nicht sonderlich schätzte, mehr verdankt als Haushaltsführung und Wortgefechte mit italienischen Vermietern, wird jedem klar, der ihre fast interpunktionslosen, atemlos wirkenden Briefe an den lieben Jim liest, den langen Monolog am Schluss des „Ulysses“ vorwegnehmend. Sie ist der Alltag, der alle Tage in einen verwandelt, Corso und Ricorso durch alle Zeiten, die Epiphanie des Profanen.

Man schreibt den 16. Juni 1904, den Bloomsday, die Handlung beginnt und wird vom Morgen bis spät in die Nacht dauern, während die Erde sich einmal wie immer um ihre Achse dreht. Yes, lautet das letzte Wort Mollys, dem kein Satzzeichen folgt, yes sagt ein Zimmermädchen in Dublin, als ein schüchterner junger Mann sie zu einem Spaziergang einlädt, ja, ich will, ich komme mit dir mit.

Der Schriftsteller Ulrich Peltzer, Jahrgang 1956, lebt in Berlin und hat im Zürcher Ammann Verlag zuletzt die Erzählung „Bryant Park“ veröffentlicht.

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