Kultur : Und nun das Wetter

Mit Roland Emmerichs Katastrophenspektakel „The Day After Tomorrow“ erreicht die Kaltfront das Kino

Christiane Peitz

Stell dir vor, du verlierst den antarktischen Boden unter den Füßen und neben dir tut sich ein Erdgletscherspalt auf, gegen den der Grand Canyon ein Kratzer ist. Stell dir vor, es schneit in Neu Delhi, Tokio wird von kiloschweren Hagelbrocken verwüstet, und in Los Angeles reißt ein Tornado die Hochhäuser nieder. Stell dir vor, die Alpträume der Ökofreaks werden wahr: Die Polkappen schmelzen, der Golfstrom kühlt ab, weshalb die nördliche Hemisphäre ausgerechnet wegen der globalen Erwärmung vereist. Die US-Flagge erstarrt blitzeisschnell zum Menetekel. Gegen solche Temperaturstürze hilft kein Superman, sondern nur noch die Flucht über den Rio Bravo. Verkehrte Welt: Die Armen der Erde gewähren den reichen Nationen Asyl, und die Erste Welt drängelt sich bettelnd über die Grenzen.

Im Kino ist die Klimakatastrophe eine supercoole Angelegenheit. Wunderschön, wie Roland Emmerich in „The Day After Tomorrow“ New York zum glitzernden Eispalast und die Freiheitsstatue zur furios verwehten Schneeskulptur schockgefrieren lässt. Atemberaubend, wie die Sintflut Manhattan heimsucht und einen russischen Tanker in die Fifth Avenue schiebt. Nebenan ragt die altehrwürdige Public Library nach zahllosen Blizzards nur noch wenige Meter unter dem Eisgebirge hervor, als gestrandete Arche Noah für die letzten Tage der Menschheit: für den klugen, jugendlich schüchternen Sam (Jake Gyllenhaal), seine zarte erste Liebe Laura (Emmy Rossum) und ein paar weitere Schutzbedürftige, inklusive Penner mit Hund. Was tun sie, um zu überleben? Bücher verbrennen (Steuerrecht ist okay, Gutenberg-Bibel nicht). Merke: Eher kommt eine neue Eiszeit, als dass good guys Bücher verbrennen dürfen.

Supercool, auf den ersten Blick jedenfalls, ist auch Emmerichs Botschaft. Dies ist kein Weltenretter-Actionspektakel à la „The Patriot“ oder „Independence Day“; gegen die Rache der Natur an der Ökoignoranz des Industriezeitalters sind Aliens harmlose Zeitgenossen. Selbst fundamentalistische Terroristen sind leichter zu handeln: Nicht zufällig gemahnen die vom Tornado skelettierten Wolkenkratzer an die Bilder von den geborstenen Stahlstreben des World Trade Centers. Das Wetter, so die Message, ist schlimmer. Sams Vater, der Klimaforscher Jack Hall (Dennis Quaid), verzweifelt denn auch auf internationalen Umweltkonferenzen an der Arroganz der Amerikaner: Seine Warnungen vor einer möglichen Klimakatastrophe schreibt deren Vizepräsident in den bereits deutlich abgekühlten Wind. Dass der Potsdamer Ozeanexperte Stefan Rahmstorf seinesgleichen in Emmerichs Forscher wiedererkennt und dass Teile des auf dem populärwissenschaftlichen Buch „The Coming Global Superstorm“ basierenden Leinwandszenarios vom frisch veröffentlichten Pentagon Report bestätigt werden, erhöht das Protestpotenzial des Films: Liebe Leute im Weißen Haus, unterschreibt endlich das Kyoto-Protokoll!

Das mögen wir alten Europäer: Wenn Hollywood der Bush-Regierung die Leviten liest. Wolfgang Petersen verlegt „Troja“ in den Irak und prangert Weltmachtmenschen an. Michael Moore setzt mit „Fahrenheit 9/11“ seine Anti-BushKampagne fort und gewinnt in Cannes die Goldene Palme. Und Emmerich geißelt die dramatischen Folgen der US-Umweltsünden. Wahlkampf im Multiplex: Bei so viel Boxoffice-Power werden die in Washington sich warm anziehen müssen.

Oder doch nicht? Mit „The Day After Tomorrow“ betritt der 48-jährige Hollywoodmann aus Sindelfingen kein Neuland, sondern bedient ein klassisches Genre. Emmerichs Kaltfront-Armageddon recycelt virtuos die Apokalypsen der Achtziger, verpasst ihnen den Retrolook der Coolness und reichert sie an mit der sozialen Kälte der Gegenwart. Während Vater Jack sich bei maximalen Minustemperaturen von Washington nach New York zum lange vernachlässigten Sohn durchschlägt (wofür ein Survival-Kumpel sein Leben geben muss, während Mama ihre Ärztinnenpflicht an der Seite eines krebskranken Kindes erfüllt), begräbt Emmerich ganz Kanada und Nordeuropa ungerührt unter dem Eis.

Wenn er sich dann an der Weltall-Perspektive auf die globalen Wirbelstürme berauscht, werden die Bilder zum Symptom dessen, was sie angeblich kritisieren: der unmenschlichen Seite des Faszinosums Fortschritt. „The Day After Tomorrow“ ist auch die ins Gigantische vergrößerte Fortsetzung von „Titanic“: Dort starb Leonardo DiCaprio, begehrtester Lover der Welt, den Eiseskältetod. Merke: Eher kommt eine neue Eiszeit, als dass ein Hund die New York Public Library betreten darf.

Ansonsten handelt es sich um den hygienischsten Katastrophenfilm seit Erfindung des Genres. Tiefgefrorene Leichen sind angenehm anzuschauen. Wenn Sam auf der Suche nach Medikamenten von ausgehungerten Wölfen verfolgt wird, ahnt man, was einem erspart bleibt: Jetzt bloß keine blutig zerfetzten Glieder.

Fortsetzung auf Seite 26

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben