Kultur : „Und nun sind sie schon wieder da“

Mary Elise Sarotte über die Wiedervereinigung und warum es auch anders hätte kommen können

Paul Hockenos

Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass es auch anders hätte ablaufen können: 20 Jahre nach dem Fall der Mauer wirkt der geopolitische Zustand Europas wie eine logische Folge aus dem Untergang des Kommunismus und der Verbreitung liberaler Demokratien. Die Länder Mitteleuropas sind unter die Decke der EU geschlüpft, die Nato verwaltet den Frieden und, auch wenn es gelegentlich zu Konflikten zwischen dem Westen und Russland kommt, ist das angesichts all dessen, was einmal gewesen ist, nicht weiter verwunderlich.

Aber dieser Verlauf war nach den friedlichen Revolutionen von 1989 alles andere als vorgegeben, wie die amerikanische Politikwissenschaftlerin Mary Elise Sarotte in ihrem Buch „1989: The Struggle to Create Post-Cold War Europe“ schreibt. Zwischen der Maueröffnung und der Vereinigung schlingerte die Geschichte vielmehr ohne festes Ziel voran. Sarotte, die im vergangenen Herbst Fellow an der American Academy in Berlin war, analysiert die vielfältigen Konzepte, die damals für dieses Europa entwickelt, verändert und im atemlosen Strom der Ereignisse verworfen wurden. Am Ende setzte sich die Vision von George H. W. Bush und Helmut Kohl durch. Ob das aus auch ihrer Sicht die beste Option gewesen ist, lässt sie offen.

Sarotte konzentriert sich auf Deutschland, wo schon die ersten Reaktionen auf die Unruhen im kommunistischen Ostteil des Landes deutlich machten, wie skeptisch seine Nachbarn einem wiedervereinigten Deutschland inmitten Europas gegenüberstanden. Von Margaret Thatcher stammt der berühmte Ausspruch: „Zweimal haben wir die Deutschen besiegt. Und nun sind sie schon wieder da!“ Die Franzosen hielten sich an ihr Mantra aus dem kalten Krieg: „Wir haben Deutschland so gern, dass wir am liebsten zwei davon haben.“ Die Polen waren in Aufruhr, aus Angst, ihre Westgrenze mit der DDR könnte wieder zur Disposition gestellt werden.

Wie heute weitgehend vergessen, planten die ostdeutschen Revolutionäre, die Dissidenten und protestantischen Pastoren, die die Straßenproteste anführten, keineswegs, ihr gerade befreites Land mit der mächtigen Bundesrepublik zu verschmelzen. Die bunte Mischung politischer Eigengewächse trat für einen unabhängigen, demokratischen Oststaat ein, der auf einem dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sowjetkommunismus voranschreiten sollte. In ihrer kurzen Rolle als Vormund des Landes verfassten sie sogar eine komplette Verfassung für eine neues Deutschland, in der Privatbesitz, Neutralität und Formen direkter Demokratie festgeschrieben waren.

Das größte Hindernis für eine Vereinigung à la Bush und Kohl – die Eingliederung der gesamten DDR in die Bundesrepublik und die Atlantische Allianz – war jedoch die von Michail Gorbatschow geführte Sowjetunion. Der Vater von Glasnost bestand darauf, dass die Nato sich keinen Zentimeter an sein Land heranbewegen dürfe. Gorbatschow schwebte stattdessen ein vereinigtes Europa vor, „ein gemeinsames Haus Europa“, das den Kontinent sicherheitspolitisch vom Ural bis zum Atlantik umfassen sollte. Nur neue, paneuropäische Sicherheitsstrukturen, argumentierte Gorbatschow hartnäckig, könnten den Ost-West-Gegensatz überwinden und die Grundlage für ein friedliches, atomwaffenfreies Europa bilden.

Davon wollten Bush und Kohl nichts hören. „Zur Hölle damit“, rief Bush. „Wir haben gewonnen, nicht sie. Wir können nicht zulassen, dass die Sowjets die Niederlage in letzter Minute abwenden.“ Die Amerikaner nannten Gorbatschows Vorschlag ein Hirngespinst und drückten eine deutsche Einheit nach ihren Vorstellungen durch – mit Hilfe von Kompromissen (nicht vielen), Schmeicheleien und vielen deutschen Mark. Die ostdeutschen Parteien wurden zur Seite gedrängt, als ihre Landsleute mit großer Mehrheit für den schnellen Beitritt zur Bundesrepublik stimmten.

Blickt man zurück, wie Sarotte, kann man sich fragen, wie Deutschland heute wäre, wenn es zu einer anderen Art von Vereinigung gekommen wäre – mit den Ossis als gleichberechtigten Partnern, mit einer neuen Verfassung anstelle des alten Grundgesetzes. Das hätte den Ostdeutschen mehr Teilhabe an der „neuen“ Republik zugebilligt und möglicherweise wäre das politische Ressentiment der 90er Jahre so schwächer ausgefallen. Die PDS wäre möglicherweise zu einer historischen Fußnote verblasst und nicht zu Deutschlands fünfter Partei aufgeblüht.

Zu dem Vorwurf Moskaus, die USA hätten ihr Wort, die Nato nicht nach Osten auszudehnen, gebrochen, schreibt Sarotte, dass es solche Zusicherungen gab – von ihren Regierungen, aber niemals von Bush oder Kohl persönlich. Außerdem existierte nichts Schriftliches, das die Nordallianz an eine solche Zusage gebunden hätte. 20 Jahre später ist Europa aufgeteilt zwischen Russland und einem erweiterten Westen – und einem instabilen, bisweilen zu militärischen Konflikten neigendem unabhängigen Zwischenraum. Noch immer stehen Nuklearwaffen auf dem Kontinent. Man kann sich kaum vorstellen, dass es hätte anders kommen können. Hätte es aber.

Mary Elise Sarotte: 1989. The Struggle to Create Post-Cold War Europe. Princeton University Press, Princeton 2009. 321 Seiten, $ 20,95.

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