Kultur : Und nun zum Wetter

Von Aristoteles zu Kachelmann, von der Wissenschaft zum Entertainment – die Geschichte der Vorhersage und was Bush daraus lernen könnte

Andreas Oswald

Eines Tages fragten die Indianer ihren Häuptling, wie der nächste Winter wird. Er antwortete: „Sehr lang und kalt! Sammelt Holz!“ Der Winter kam und wurde ganz mild. Im nächsten Jahr fragten die Indianer wieder ihren Häuptling, wie der Winter wird. „Sehr lang und sehr kalt. Sammelt Holz!“ Der Winter wurde wieder sehr mild. Im dritten Jahr sagten die Indianer: „Unser Häuptling ist nicht weise genug, wir gehen jetzt zum weißen Mann. Der hat Meteorologen.“ Gesagt, getan. „Weißer Mann, wie wird der nächste Winter?“ „Sehr lang und sehr kalt!“. Skeptisch fragen die Indianer, woher er das wisse. Er antwortete: „Ganz einfach, die Indianer sammeln seit zwei Jahren Holz wie die Bekloppten!“

Unter allen Menschen, die die Zukunft vorhersagen – Wahrsagerinnen, Schamanen, Astrologen, Börsenanalysten – haben es die Meteorologen sicherlich am schwersten. Es werden Witze über sie gerissen, kaum einer glaubt ihnen, dabei geben sie sich solch eine Mühe.

Wetter ist in den letzten 20 Jahren ein großes Thema in der Öffentlichkeit geworden. Je mehr sich extreme Wetterlagen häuften, je öfter Deutschland von Hochwassern heimgesucht wurde, je heißer die Sommer, je kälter die Winter wurden, je schlimmer Hurrikane und Waldbrände wüteten, desto größer wurde die Sorge, dass etwas nicht stimmt mit unserem Wetter.

Es ist im Grunde gar nicht möglich, das Wetter genau vorherzusagen. Ob es nach einem heißen Sommertag abends einen Schauer gibt oder nicht, kein noch so gewiefter Meteorologe kann das sagen. Und wenn der Schauer kommt, dann trifft er vielleicht die Mitte Berlins, aber nicht den Norden der Stadt. Die einen werden nass, die anderen sitzen draußen und genießen den Abend. „Mikroklima“ heißt das den Meteorologen rettende Wort. Unabhängig von der Großwetterlage kann die Witterung im Einzelnen sehr unterschiedlich ausfallen.

Da hat der Meteorologe im Fernsehen, im Radio und in der Zeitung einen schweren Stand. Zumal er auch bei der Vorhersage der Großwetterlage gewaltig danebenliegen kann. Was ist, wenn das Tief bis zum nächsten Tag seine Bahn ändert? Wenn es plötzlich stehen bleibt? Oder schneller kommt?

Das Wetter ist in unseren Breiten von Natur aus instabil. Es kann sich jederzeit ändern. Wir leben im sogenannten Westwindgürtel. Ein Tief nach dem anderen zieht vom Atlantik her zu uns, schöne und nieselige Abschnitte wechseln sich ab. Nur einmal im Jahr ist das anders. Wenn sich im Norden Europas ein stabiles Hoch etabliert, dann bekommen wir einen langen, wunderschönen, heißen Sommer. Dann haben es die Meteorologen einfach. Sie sagen jeden Tag schönes Wetter voraus. Ist aber der Sommer vorbei, ist es aus mit der Gewissheit, die falschen Prognosen häufen sich wieder – naturgemäß.

Die Ungewissheit hat seit jeher Beobachter herausgefordert. 650 vor Christus versuchten die Babylonier, aus Wolkenformationen auf künftiges Wetter zu schließen. Aristoteles versuchte 340 vor Christus in „Meteorologica“ Wetterformationen zu beschreiben, und von den Chinesen ist bekannt, dass sie bereits 300 vor Christus Wetter vorhersagten.

Die Idee einer modernen, wissenschaftlich begründeten Wettervorhersage kam erst mit der Erfindung des Telegrafen 1837 auf, als man erstmals in der Lage war, Nachrichten aktuell und allgemein zu verbreiten. Die ersten Wissenschaftler, die sich auf dieses Gebiet wagten, die Engländer Francis Beauford und Robert Fitzroy, wurden damals in der Presse verlacht, aber die Beauford-Skala der Windstärken und das Fitzroy-Barometer sollten Grundlage des Handwerks werden.

Wetterberichte waren ursprünglich vor allem für Seeleute und Bauern gedacht, die darauf angewiesen waren, dass ihnen drohende Unwetter rechtzeitig mitgeteilt wurden. Das galt später auch für den Flugverkehr. Vor allem aber für das Militär. Der endgültige Befehl zur Landung in der Normandie wurde erst gegeben, nachdem die Militärmeteorologen sich noch einmal vergewissert hatten, dass die Boote nicht von Stürmen bedroht waren.

Mit der Fünftagewoche und der Massenmotorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich eine aufkommende Freizeitgesellschaft für das Wetter zu interessieren, die wissen wollte, ob der geplante Wochenendausflug ins Wasser fällt oder nicht.

Die anfangs eher ungenauen Prognosen brachten für die Ausflügler manche Überraschung. Die Wettervorhersage im Fernsehen sah in ihren Anfängen nur eine Chance, das Publikum milde zu stimmen. Da stand ein Mann im Studio, der aussah wie ein zerstreuter Professor, und mit Kreide, später Wachsmalkreide, Wölkchen auf eine Tafel malte. Sein Vortrag klang so wissenschaftlich und trocken, dass die Zuschauer meist nur ein paar Begriffe mitbekamen und allenfalls eine vage Ahnung hatten, was gemeint war.

Dr. Roediger vom Deutschen Wetterdienst Hamburg konnte mit seinen rasch gemalten Karten manchen Zuschauer verwirren. Eine Legende war und ist Uwe Wesp. Der gute alte Mann im ZDF. Wer konnte es je diesem freundlichen Herrn verübeln, wenn er vielleicht mal ein bisschen danebenlag? Das waren die guten alten Tage des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach, einer riesigen Behörde, die jahrzehntelang eine Art Monopol hatte.

Heute ist die Wettervorhersage eine ganz andere Veranstaltung. Da leuchten Luftströmungsbilder in den knallbuntesten Farben, da fahren plötzlich virtuelle Kameras über das deutsche Land und zeigen, wo es morgen regnet, wo die Sonne scheint, Schaubilder erklären Wetterphänomene, für jede Region werden in Laufbändern Temperaturen vorhergesagt. Aber hat je jemand die bunten Luftströmungsbilder nach den „Tagesthemen“ verstanden, die immer nur für wenige Sekunden gezeigt werden? Auch ein Fachmann braucht zumindest mehrere Minuten, um diese bewegten Bilder analysieren zu können, der Zuschauer versteht vermutlich gar nichts. Aber das braucht er auch nicht. Es ist einfach nur die Faszination bewegter farbiger Strukturen, die seine Sinne kurz im Bann halten und den Eindruck vermitteln, dass hier Meteorologen unglaublich gründlich in die Materie eingestiegen sein müssen, wenn sie so komplizierte Sachen zeigen.

Einen bunten Zauber zu veranstalten, ist eine Kunst. Bei den Meteorologen ist es die Kunst der Vermittlung.

Aber wie ist es dazu gekommen?

Es ist ohne Zweifel das Verdienst von Jörg Kachelmann. Einige würden sagen, es ist seine Schuld, dass alles so gekommen ist. Aber das sind seine Kritiker – und Konkurrenten. Kachelmann hat die alten Strukturen aufgebrochen und das mit einzigartigem Erfolg. Dabei hat ihm eine gewisse Begabung als Entertainer durchaus genützt. Mit gutem Spürsinn erkannte er, wie er Festungsmauern überwinden, die Öffentlichkeit für sich einnehmen konnte.

Als vor einem Jahr der Hurrikan „Katrina“ New Orleans verwüstete, war es eine der ersten Fragen von Anne Will in den „Tagesthemen“, ob die Katastrophe etwas mit der Klimaerwärmung zu tun hat. Und direkt im Anschluss erklärte Kachelmanns Wettervorhersage, was sich gerade meteorologisch tut in New Orleans und was das eigentlich bedeutet, so ein Hurrikan.

Wetter wurde in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit relevant, weil Klima relevant wurde. Bei jeder Anomalie, bei jeder Katastrophe steht heute die Frage im Raum, ob es ein solches Wetter gibt, weil die Menschheit auf eine Klimakatastrophe zusteuert. Von diesem Prozess profitierten auch Wissenschaftler. Es gibt kaum einen Forscher, der so oft in Medien zitiert wurde wie der deutsche Klimaexperte Mojib Latif. Immer, wenn irgendwo das Wetter verrückt spielte, war er für die Medien für ein Statement erreichbar, egal ob am Abend oder feiertags. Und immer trug er langsam, druckreif und verständlich die Erkenntnisse der Klimaforscher vor. Ja, das Klima erwärmt sich, nein, das derzeitige Wetter ist kein Beweis für die Klimaerwärmung, aber es ist erwiesen, dass die Klimaerwärmung zu einer Häufung von Wetteranomalien wie dieser führt. Es fehlte auch nie der Hinweis, dass der Mensch mit seinen Treibhausgasen zu dieser Entwicklung beiträgt.

Es gibt keinen Grund, an diesen Darlegungen zu zweifeln. Auffallend ist nur, dass das Wetter nach und nach eine immer größere Aufmerksamkeit erfuhr, die ein cleverer Wissenschaftler für seine Bekanntheit und Bedeutung medienwirksam ausnutzen konnte.

Aber wie kam es zu dieser Aufmerksamkeit? Die Theorie von der Klimakatastrophe, auf die der Mensch selbst verschuldet zusteuert, konnte vielleicht deshalb so gut eingeführt werden, weil hier ein christliches Bild zum Tragen kommt: Der Mensch ist ein Sünder, der für seine Sünden büßen wird und sein schlechtes Gewissen nur beruhigen kann, indem er aktiv wird, um das Unheil abzuwenden. Gefordert wird deshalb, dass der Giftausstoß reduziert wird, und US-Präsident Bush das Kyoto-Protokoll unterschreiben soll. Ungezählt sind die Initiativen, die sich um unser Klima sorgen. Es gibt keinen Grund, diese Aktivitäten infrage zu stellen. Interessant ist aber, wie ein Wirrwarr von Gefühlen, Stimmungen, richtigen Erkenntnissen und tief geglaubten Zusammenhängen das Phänomen Wetter im Zentrum umkreist und eine ungeahnte politische Dynamik entfalten kann. Dass der Hurrikan „Katrina“ so schlimm war, hängt, so legt es die öffentliche Wahrnehmung nahe, mit der Klimaerwärmung zusammen, die mit dem Treibhausgasausstoß zusammenhängt, dessen Reduzierung Bush hartnäckig verweigert. Als dann die Hilfe für die Bevölkerung von New Orleans an den unterschiedlichen Zuständigkeiten lokaler Behörden und der Bundesbehörden scheiterte, wurde das Desaster politisch Bush zugewiesen, dem großen Klima-Ignoranten, dem Schuldigen. Dass Bush sich in dieser unkomfortablen Lage wiederfand, hatte er sich freilich selber zuzuschreiben, wäre es doch für seine tollen Berater, mit denen er sich umgibt, nicht schwer gewesen, die gestiegene Bedeutung des Themas Klima für die Gefühle und die Meinungen der Menschen einzuschätzen und politisch auszunutzen.

Hollywood war da schneller. Filme wie „The perfect storm“ von Wolfgang Petersen (USA 2000) und „The day after tomorrow“ von Roland Emmerich (USA 2004) trafen die Ängste der Menschen und wurden zu Kassenhits.

Wer hätte vor zwei Jahrzehnten gedacht, dass das Wetter eine solche Bedeutung bekommen kann? Noch letzte Woche stieg plötzlich der Ölpreis und fielen kurzzeitig die Aktienkurse, weil der erste Hurrikan der Saison nach Angaben von Analysten Ölfelder bedrohen könnte. Da wird die Vorhersage der Meteorologen, welchen Kurs der Hurrikan nehmen wird, plötzlich zu einer Vorhersage der Börsenkurse.

Es gibt wohl keinen Fernsehmeteorologen in Deutschland, der aktuelle Bezüge derart flexibel in seine Vorhersagen einbaut wie Jörg Kachelmann. Er lässt keine Gelegenheit aus, um auf die vorhergegangenen „Tagesthemen“ einzugehen. Wenn es aktuell irgendein Wetter- oder Klimaphänomen gibt, erklärt er es zu Beginn seiner Moderation und gibt ihr einen Hauch von moderner Wissenschaftssendung. Das gilt auch für Claudia Kleinert oder Sven Plöger aus dem Wetterkonzern Kachelmanns. Plöger zeigt nebenbei auch ein wenig komödiantisches Talent, wenn er angesichts des Wetters, das er ansagen muss, sagt: „Ich raufe mir die Haare, obwohl das bei mir nur schwer geht.“

Das Erklären von Extremtemperaturen und außergewöhnlichen Wetterphänomenen vermittelt die zentrale Botschaft Kachelmanns: Das Wetter ist nicht gut oder schlecht, sondern interessant. Wenn er das Wetter als überraschend und unberechenbar darstellt, dann verzeiht ihm der Zuschauer auch, wenn die Vorhersage einmal nicht so ganz stimmen sollte. So macht Kachelmann die Schwäche seiner Branche zu seiner persönlichen Stärke.

Aber wie hat Kachelmann die Branche umgekrempelt? Der 1958 als Sohn eines Eisenbahners geborene Jörg Kachelmann hatte sein Geografiestudium zwei Monate vor dem Examen abgebrochen, um sich der Vermarktung von Wetterprognosen zu widmen. In seinem Bauernhaus bei St. Gallen in der Schweiz errichtete er 1990 eine Wetterstation und begann für einige Zeitungen und Radiosender mit Wettervorhersagen. Beim Südwestfunk fiel er durch verständliche Sprache und flotte Sprüche auf, schnell bekam er weitere Aufträge. Mit dem ARD-Frühstücksfernsehen begann seine große TV-Karriere. Binnen kurzer Zeit wurde er zum bekanntesten und beliebtesten Fernsehmeteorologen. Unter den Zeitungen gehörte auch der Tagesspiegel zu seinen Kunden.

Kachelmann, der auch in anderen Fächern des Fernsehens reüssierte, machte das Wetter – und seine Wettersendungen – zum Event. Er stellte sich mit zerzausten Haaren auf einen Berg und ließ sich den Sturm ins Gesicht blasen, oder er weihte ein ums andere Mal mit großem Fest eine neue Wetterstation in Deutschland ein, nicht ohne über solche Feste im Fernsehen zu berichten. Kachelmann hatte ein Gespür für Stimmungen. 1998 setzte er sich an die Spitze der Bewegung, die eine Frauendiskriminierung bei den Namen für Hochs und Tiefs abschaffen wollte. Wo vorher die schlechten Tiefs immer weiblich und die schönen Hochs männlich waren, wurde schließlich abgewechselt. Der Fortschritt hatte öffentlichkeitswirksam gesiegt, Kachelmann sei Dank.

Der größte Coup gelang ihm, als dem alten Monopolisten Deutscher Wetterdienst (DWD) Versäumnisse bei der Vorhersage von schweren Unwettern mit Todesfolge unterliefen. Kachelmann prangerte die Fehler des Hauptrivalen öffentlichkeitswirksam an. Die ARD zog aus den Fehlern des Deutschen Wetterdienstes die Konsequenzen und übertrug Kachelmann zusätzlich die Vorhersage nach den „Tagesthemen“.

Publikumswirksam sind auch Kachelmanns Rekordtemperaturen im Sommer oder im Winter, die oft extremer sind als die des DWD. Das liegt daran, dass Kachelmann Wetterstationen an Orten errichtet hat, wo das Wetter extremer ist. Kachelmann ist eben immer etwas einfallsreicher, pfiffiger und schneller als die staatliche Konkurrenz. Wenn er nur endlich mal seinen naturbelassenen Bart abnehmen würde. Aber der gehört vermutlich mit zur Inszenierung.

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