Kultur : …und raus bist du!

Christoph Schlingensiefs Wiener Politmedienkunst-Aktion mit Asylbewerbern – als Videomitschnitt im Kino

Silvia Hallensleben

„Du deutsche Sau du, du Künstler!“ Was als Beleidigung gilt, ist immer relativ, das wissen wir spätestens wieder, seit einem türkischstämmigen Berliner Politiker vorgeworfen wird, einen Polizisten durch ein unaufgefordertes familiäres Du beleidigt zu haben. Die zitierte Äußerung ist von bedenkenswerterem Kaliber. Und wenn sie, wie hier, aus dem Mund eines – anonym gebliebenen – Wieners kommt, lässt sich einiges über spezifische Störungen im österreichisch-deutschen Verhältnis spekulieren: Der Braunauer Kunstmaler etwa, der später als deutsche Sau Karriere machte ... Vielleicht sollte der Attackierte versuchen, das Schmähwort vor den Kadi zu bringen, amüsant könnte es werden. Christoph Schlingensief ist selbst kein schlechter Provokateur.

Rassismus ist vielschichtig. „Ausländer raus!“ stand auf dem großen Transparent über den fünf Baucontainern, die Schlingensief während der Wiener Festwochen 2000 für eine knappe Woche im Herzen der Stadt Wien aufstellen ließ. Erstmal aber sind die Fremden noch in den Kisten: Zwölf Asylbewerber verschiedenster Herkunft von Albanien bis Sri Lanka. Über sechs angeschlossene Kameras können die Container-Bewohner nach Big-Brother-Manier auf dem Opernplatz selbst und über das Internet live beobachtet werden. Die Spielregeln: Jede Woche werden zwei der Asylanten abgeschoben. Die Spieler: Das Publikum, das die Reihenfolge der Selektion im Internet selbst bestimmen kann. Wer von den Opfern am Schuss übrig bleibt, bekommt 35000 Schilling und einen österreichischen Ehepartner dazu.

Jetzt wird die damals zeitlich und räumlich begrenzte Aktion auch einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Der Wiener Multi-Media-Künstler Paul Poet, der das Projekt mit Schlingensief entwickelt hatte, hat aus damaligen Video-Mitschnitten den Film Ausländer raus –Schlingensiefs Container gebaut, der die Ereignisse dokumentiert und mit Statements von Freund und Feind ergänzt. Da kommt das gemeine Volk ebenso zu Wort wie die Großkopferten, die FPÖ-Repräsentantin steht neben Elfriede Jelinek. Und natürlich werden Benjamin und Karl Krauss zitiert. Nur wir dürfen nicht mitreden, sondern nur Beobachter sein.

Das ist schade, denn der Reiz von Schlingensiefs geschickt im öffentlichen Raum platzierter Kunst-Aktion ist ja gerade ihre gelungene Interaktivität. Fast eine Million Österreicher und Nicht-Österreicher haben sich im Netz beteiligt, viele tausend andere vor Ort persönlich engagiert: als Zuschauer und Querulanten, Provokateure und Demonstranten. Sogar einen gewaltsamen Befreiungsversuch linksradikaler Gruppen hat es gegeben. Gerade hier offenbart sich die Wirkungsmacht von Schlingensiefs Projekt, dem es gelingt, Identifikationen und Positionen gründlich zum Tanzen zu bringen. So fühlten sich die „Befreier“ offensichtlich moralisch gefordert, dem vermeintlichen Leiden der eingesperrten Asylanten durch solidarische Hilfe ein Ende zu setzen. Einer verständnislosen Mitarbeiterin aus Schlingensiefs Team selbst wiederum fehlt es an Distanz, um zu begreifen, dass es erst diese Störungen sind, die der Aktion Reiz und Berechtigung geben. Lustig ist das auch. Ein großer Film sicher nicht. Doch als Dokument eines gewagten und gelungenen Kunstprojektes ist „Ausländer raus!“ von aktuellem und dauerhaftem Interesse. „Bitte liebt Österreich!“

Central, Eiszeit

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