Kultur : Und sie erkannten einander

Filmfestival Venedig: Neues von Claire Denis, Shinya Tsukamoto und Doris Dörrie

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Von Jan Schulz-Ojala

Es ist Abend in Paris, Graupelschneewinter und kalt. Metro und Busse streiken, und die Stadt ist ein einziger Stau der laufenden und doch leer laufenden Motoren. Laure (Valerie Lemercier) sitzt in ihrem Auto, allein. Morgen wird sie umziehen zu Bernard, der am Telefon immerzu von „unserer“ Wohnung spricht. Also übt sie im Auto ihm zuliebe dieses fremde Wort: „unsere Wohnung“. Zuhause, ach was zuhause, in ihrer alten Noch-Bude unterm Dach stehen die gepackten Kartons, und jetzt wird Laure zu Freunden zum Abendessen fahren – ach was, fahren, wohin denn in diesem Allüberall – und Dauerstau, und wohin überhaupt in meinem, deinem, unserem kleinen Leben.

„Vendredi soir“ (Freitagabend) hat Claire Denis ihren neuen Film genannt, und statt drauflos zu erzählen wie tausend andere, wagt sie den Stillstand: Sanft kreist die Kamera einen zum Innehalten gezwungenen Menschen ein, bevor der sich löst und ein kleines, wiederum sehr stilles Abenteuer beginnt. Laure lässt einen Fremden (Vincent Lindon) in ihr Auto, irgendwann später sagt er ihr seinen n: Jean. Und irgendwann, noch später an diesem Freitagabend, der behutsam in eine Nacht hinübergleitet im Hotel und einen frühen Morgen wieder allein, sagt sie auch seinen Namen. Sie muss ihn nicht üben, sie streichelt das Wort nur mit ihrer Stimme. Jean: An Wörtern genügt ihr das für ein Abenteuer, für eine Erinnerung, die nicht aus Wörtern besteht.

Schon merkwürdig, wie dieser leise, alles Unwesentliche wegblendende Film, präsentiert in der Nebenreihe „Controcorrente“, sich in den Vordergrund drängt zur Halbzeit am Lido – eine Annäherung wie ohne Anlauf, ein Auseinandergehen ohne Schmerz. Eine Versuchsanordnung, die in ihrer äußersten Reduktion wie zum Fremdgehen aus dem eigenen Genre verführt. Ähnlich eindrücklich ist das in Venedig bisher nur Shinya Tsukamoto mit „A Snake of June“ gelungen: mit einer Versuchsanordnung wiederum der sehr japanischen Art. Wir sind in einer namenlosen Stadt, in der es fortwährend regnet, und schauen in das Leben eines Paars wie in ein Labor: Sie (Asuka Kurosawa) arbeitet bei der Telefonseelsorge, ihr etwa 20 Jahre älterer, sanfter, dicker Glatzkopf von Mann (Yuji Kotari) verbringt seine Freizeit damit, die Ausgüsse der gemeinsamen Wohnung blank zu schrubben. Zwei höflich miteinander umgehende Leute, deren Sexualität im Gully abgesoffen scheint: Die Kamera zeigt das mit teilnahmsloser Präzision.

Die eigentümliche Harmonie kommt erst durcheinander, als die junge Frau Post eines Erpressers bekommt: eine Fotoserie, die sie beim Masturbieren zeigen. Fortan zwingt er sie, etwa im Minirock und ohne Slip durch Kaufhäuser zu gehen und verfolgt sie dabei. Irgendwann gibt er sich zu erkennen und fotografiert sie nun offen vor ihren Augen wie ein Besessener, und wie besessen reißt die Frau sich später die Kleider vom Leib und bewegt sich vor seiner dauerblitzenden Kamera im Regen: ein Strudel des Voyeurismus und der sich von Verzweiflung in Befreiung wandelnden Exhibtion. Schließlich wird auch der Ehemann in diese seltsame Selbsterfahrung hineingezogen und findet über die Masturbation zurück zu seiner Frau. „A Snake of June“ ist eine virtuose, schamlose, ebenso künstlich wie kunstvoll ausgespielte Männerfantasie in Schwarzweiß. Dabei ist das Schwarz kaltblau eingefärbt, gerade so, als suchte hier, im Experiment mit Farben und Körnigkeit, auch ein Regisseur so etwas wie die chemische Formel für Liebe.

Die Seele hochgeschlossen

Und wie treiben es die Deutschen, wenn sie der Liebe und dem Begehren auf die versuchsweise an- und einordnende Spur kommen wollen? Sie gucken sich von den Franzosen das Vorspiel der gewöhnlich an langen Tafeln schwafelnden Freunde ab und ziehen sie zum Hauptgang – à la japonaise – halböffentlich aus. Und schon sind die Körper und Gefühle nackt, wie im gleichnamigen Film von Doris Dörrie. „Nackt“, beruhend auf Dörries Theatertext „Happy“, ist ein – aus kommerziellen Gründen? – merkwürdig nackter Titel für diesen Film. Denn eigentlich geht es darin überwiegend gezielt jung-spießig und geistig-seelisch hochgeschlossen zu. Da sind Emmi und Felix (Heike Makatsch und Benno Fürmann): das gewesene Paar. Fünf Jahre haben sie Papa und Mama ohne Kind füreinander gespielt. Da sind Annette und Boris (Alexandra Maria Lara und Jürgen Vogel): das glückliche Paar, nicht am Anfang und nicht am Ende, in der Mitte kommt man immer irgendwie klar miteinander. Beide Paare sind zum Abendessen eingeladen bei Charlotte und Dylan (Nina Hoss und Mehmet Kurtulus). Dylan ist an der Börse reich geworden, Charlotte gibt zu Hause die Edelzicke. Und weil irgendjemand gelesen haben will, dass Paare einander nackt und mit verbundenen Augen nicht erkennen, kommt es zur Wette, und plötzlich stehen Paar II und III nackt und mit verbundenen Augen da. Und Ex-Paar I macht den Schiedsrichter.

Doris Dörries Film fängt heiter und voller Dialogwitz an und endet in dem, was garstige Kritiker gerne Dörries „Hausmacher- Buddhismus“ nennen. Denn die Paare, die sich da gegen alle Beteuerungen nicht erkannt haben, erkennen einander anschließend im Reden zu zweien. Oder, mit Kleist gesprochen: Durch die gemeinsame Erfahrung sind sie, arg plötzlich, wieder mit sich selbst bekannt gemacht. Dörrie will das biblische „Erkennen“ der Körper, das die Filme von Claire Denis und Shinya Tsukamoto viel weniger plakativ ansteuern und viel intimer treffen, vom Körperlichen ins Spirituelle wenden. Doch die drei Paare, die da nacheinander wie am Theater auftreten, einander abtasten und wieder abtreten, machen nicht viel mehr als eine Pauschalreise ins Glück – mit kleinen individuellen Variablen.

Bei der ersten Pressevorführung gab es ein paar Buhs, sonst aber herzlichen Applaus für diesen stringent gebauten, teils hübsch gespielten und von Frank Griebe sorgfältig prachtvoll fotografierten Film. So steht „Nackt“, nach Winfried Bonengels „Führer Ex“ der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag, nicht schlecht da – unter schwachen Konkurrenten. Auf das ganz große Werk wartet die Festivalgemeinde bisher vergebens: den Film, über den man ebenso leidenschaftlich streiten wie schwärmen kann.

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