Kultur : Und still ruht im Abendlicht der See Der Hanser Verlag lud zum Sommerfest des LCB

Thomas Wegmann

Das Sommerfest des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) lockt alljährlich Hunderte von Lesern, Schriftstellern und Literaturbetrieblern an den Wannsee. Jedes Jahr ist ein anderer Verlag zu Gast, der sein Programm und seine Autoren vorstellt. In diesem Jahr war es Michael Krüger, Chef des Münchner Hanser Verlags, vorbehalten, den Reigen der Lesungen zu eröffnen. Doch nicht alle Besucher kommen wegen der Lesungen. Manche schauen inmitten zahlreicher anderer möglichst einsam auf den träg daliegenden See, andere sondern lieber eigene Worte ab, statt denen der Autoren zu lauschen.

„Seitdem ich Rentner bin, kann ich es mir nicht mehr leisten, zehn Zeitungen zu abonnieren.“ – „Den Michael Lentz mit seinem ‚Muttersterben‘ werde ich eines Tages noch aus dem Schlafzimmer verbannen. Der phosphoreszierende Umschlag leuchtet noch, selbst wenn man das Licht längst gelöscht hat.“ – „Man müsste endlich eine Getränke-Pipeline runter an den See legen.“ „ – „Psst, ich will zuhören.“ – „Es ist wirklich witzig, wen man hier alles trifft.“ Selten sind sich die Worte der Autoren und die ihrer Leser akustisch so nah wie hier, freundlich unterstützt von einer leichten Seebrise, die alles zu einer ebenso vielstimmigen wie eigenwilligen Kakophonie vermengt, in der sich schwerlich zwischen Literatur- und Alltagssprache unterscheiden lässt.

„Das Schnitzel war zu dick.“ Dieser Satz beispielsweise geht nicht etwa auf einen speisenden Gast zurück, zumal es am LCB viel Trink- und Essbares gab, aber keine Schnitzel. Er stammt vielmehr aus Thomas Glavinics gerade erschienener Literaturbetriebssatire „Das bin doch ich“: ein sehr österreichisches, genauer: wienerisches Buch, nicht nur wegen der Schnitzeldichte und Sätzen wie diesem: „Ich bitte darum, die Vorderräder zu wuchten.“

Glavinics Lesung inmitten des anwesenden Literaturbetriebs sparte indes die literaturbetriebssatirischen Passagen aus und verlegte sich stattdessen eher auf die gastronomie- und familienkritischen Teile, ganz nach der Devise: „Alles, nur keine Wirklichkeit.“ Das wiederum waren die letzten Worte von Reinhard Jirgl, jedenfalls bei seiner sonnabendlichen Lesung. Sie gaben auch ein schönes Motto ab für dieses Fest, über dem gnädig eine kaum von Wolken bedeckte Sonne schien – zumindest bis es dunkel wurde, die Zeiger der Uhr sich zu beschleunigen schienen und Norbert Kron zum Tanzvergnügen auflegte: Selbst der DJ hat hier mit „Autopilot“ schon einen formidablen Roman geschrieben – natürlich bei Hanser. Thomas Wegmann

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