Kultur : "Und was ist mit Pol Pot?"

THOMAS LACKMANN

Vor der von Büschen gesäumten "Geschützten Grünanlage", wie ihre Beschilderung lautet, steht an der Scheidemannstraße die unbeschilderte Haltestelle "Reichstag". Rundum brummt die Baustelle Deutschland. Lastwagen entladen Schotter, sodaß die Statements der Versammlung auf dem plattgetreten Rasen schwer zu verstehen sind. Der ist zur einen Hälfte trockenbraun, zur anderen sumpfig, von blauen Rohren durchzogen. Schweiß läuft den Pressevertretern in den Notizblock, Mittagssonne knallt herab. Die Schatten über der Szene sind unsichtbar. Rund um die Mikrophone schwitzen Männer in Anzügen, einige schwarzhaarig und dunkelhäutig, die meisten in der zweiten Lebenshälfte. Touristen verweilen und schnuppern Hauptstadt. Hinter den Männern im Anzug ragt eine Tafel aus Holz in die Höhe. Darauf sind unten Fotos abgebildet aus dem KZ Auschwitz und aus einem KZ im serbischen Nis und zuletzt ein Dokument, dessen Bildunterschrift kommentiert: "Die moslemische Kirche verhinderte den Völkermord der Nazis an den Sinti und Roma in Bulgarien und mehreren Regionen Südosteuropas." Doch bezieht diese Unterschrift sich auf eine Ausnahme, eigentlich erinnert die Stellwand an keine Verhinderung, sondern an Vollstreckung. "Hier entsteht das nationale Holocaust-Mahnmal für die im nationalsozialistisch besetzten Europa ermordeten Sinti und Roma," ruft die Schrift an der Wand, "aufgrund der Zusagen des Berliner Senats, der Bundesregierung und des Deutschen Bundestags."Die Stimmung beim Ortstermin ist nüchtern. Nur einmal, als von der Einzigartigkeit des "europaweiten Holocausts an den Sinti und Roma und an den Juden" die Rede war, ruft von hinten jemand: "Und was ist mit Pol Pot?" Aber Romani Rose, der gerade ein dickes Buch über die Verfolgung seines Volkes herausgegeben hat, ist kein großer Kommunikator. Der Vorsitzende des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma verliest Satz für Satz seine Erklärung. Erst mit der Zeit, mit dem Aufstau der Anspannung und der Wiederholung seiner Argumente, lassen ihn Ärger und Mißtrauen seine Stimme erheben. Zum einen pocht er auf die staatliche Zusage für den Bauplatz südlich des Reichstages: Eine neue Mahnmal- und Standort-Debatte bedeute, daß man den 500 000 Ermordeten den Respekt verweigere, sie "herumschubse". Zum anderen verwahrt er sich gegen den Vorwurf der "Hierarchisierung" unter den Opfergruppen. Es gehe nicht darum, "daß wir uns hier verewigen", auch nicht darum, "daß irgendwelche Opfergruppen ein Gedenken verlangen", sondern: Die Demokratie müsse der Einmaligkeit dieser Verbrechen gedenken. Sinti und Roma wie auch Juden hätten sich von andern Opfergruppen insofern unterschieden, daß "wenn jemand Zeuge Jehovas oder Kommunist war, nicht automatisch seine ganze Familie umgebracht wurde". Der Künstler Dani Karavan sei bereit, das Mahnmal zu gestalten, doch der Senat, dem das Grundstück gehört, bestehe auf einer Ausschreibung.Niemand fällt Romani Rose in den Rücken. Zwei Bundestagsabgeodnete sind anwesend. Der SPD-MdB Weisskirchen verspricht, die Stiftung für das Holocaust-Mahnmal wolle sich nach den Juden "rasch" den Sinti und Roma zuwenden. Allerdings werde es nicht einfach sein, "diesen Standort durchzusetzen". Der Bündnisgrüne Beck erinnert, daß man es sich seinerzeit in BRD und DDR mit dem Kollektivgedenken für alle einfach gemacht und damit viel verschüttet habe. Die Erinnerung an dunkelste Kapitel unserer Geschichte gehöre zur "Identität der Republik, die von hier aus regiert werden wird". Auch der ermordeten Deserteure, Homosexuellen und Slaven müsse gedacht werden. Allerdings gebe es in dieser Stadt eine Gruppe, vertreten von Eberhard Diepgen, die kein weiteres Gedenken wünsche: damit man die Hauptstadt nicht zu sehr mit ihrer Geschichte identifiziere. Dennoch hofft der Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, Andreas Nachama, auf ein zügiges Procedere ohne zweite Mahnmaldebatte. "Wer A sagt, muß auch B sagen." Fortan solle Opfergruppe für Opfergruppe angemessen berücksicht werden.Doch der Schulterschluß verdeckt nicht, daß die Zigeuner alleine stehen. Am Donnerstag hatte der Sprecher des Regierenden Bürgermeisters noch jede Mahnmal-Zusage für Sinti und Roma abgestritten; sein Chef selbst hatte betont, im Stadtzentrum sei für weitere Mahnmale kein Platz. Auf diesem Hintergrund klingt am eindrucksvollsten der langweiligste Teil in Roses Rede: als er minutenlang aufzählt, wann in den vergangenen Jahren welcher Politiker dieses Mahnmal und diesen Standort begrüßt, gefordert, zugesagt habe. Der Bundestag. Die Ex-Senatoren Wolfgang Nagel und Ulrich Roloff-Momin. Christine Bergmann, seinerzeit Diepgens Stellvertreterin. Rita Süßmuth. Peter Conradi für den Ältestenrat des Bundestages. Anton Pfeiffer aus Kohls Kanzleramt. Das Innenministerium. Ignatz Bubis 1999. Michael Naumann am 11. März dieses Jahres. Roman Herzog. Zwischen den Zeilen der spröden, rührenden Rezitation ist das Mißtrauen eines Volkes zu spüren, das selten Grund hatte, sich auf amtliche Zusagen zu verlassen. Die Frage nach Pol Pot war gar nicht mal so aufgesetzt: Der Genozid an Europas Zigeunern ist für die Nation und ihren Berliner eine unappetittliche, weit hergeholte, exotische Angelegenheit.

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