Kultur : Und was mache ich jetzt?

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Die meisten von uns denken an ihr erstes Auto mit zärtlichen Gefühlen, wie an einen treuen Gefährten, ein Wesen voller Kraft und Eigensinn. Das Auto als Tier, als Pferdchen oder Esel: Der italienische Dichter Carlo Emilio Gadda hat mal in seiner Wohnung die Vorstellung entwickelt, "dort draußen", unter Roms Himmel, gebe es "Scharen von ungezähmten Autos, die im Freien übernachten und überwintern". Ja, wenn es so wäre: Man finge vielleicht einen Fiat und zähmte ihn, wenn er zu uns spräche wie der Fuchs zu Saint-Exupérys kleinem Prinzen: "Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!" Auf so was kommt man aber nicht am Steuer eines BMW, dafür muss man Ente oder Käfer gefahren sein oder einen froschartigen Messerschmitt-Kabinenroller ...

Gerade war der Kabinenroller ja in aller Munde, als nämlich Ferdinand Piëch die Strecke Wolfsburg-Hamburg im Ein-Liter-Auto zurück legte - das sah aus wie einst der Messerschmitt, flach, dreieckig, Fahrer unter einer aufklappbaren Glaskuppel. Autofürst Piëch an seinem Abschiedstag in einem so wundersamen Gefährt! Der Kabinenroller wurde ja in den fünfziger Jahren gebaut, und wahrscheinlich hat es nie seltsamere, skurrilere, liebenswürdigere Autos gegeben als damals (wenn man eine Isetta oder einen Messerschmitt denn als Autos ansehen will). Der "Leukoplastbomber" Lloyd LP 300 zum Beispiel, dessen Karosserie aus Sperrholzplatten bestand, die mit Filz und Kunstleder bespannt waren. Oder der Spatz des Ingenieurs Emil Brütsch, "Feuervogel" genannt, weil seine Polyester-Karosse nicht feuerbeständig war und gelegentlich in Flammen aufging. Zu schweigen von Gefährten wie dem Motoflitz, dem Fuldamobil oder dem Pinguin, der Libelle oder dem Gnom (dessen Motor man mit einem Seilzug anwarf) - lauter Winzlinge von sehr individuellem Äußeren, anders als heutige Windkanal-Klone.

Damals, nach dem Krieg, wurde das Auto neu erfunden, sparsam und klein: Der Kabinenroller hatte drei Räder, und die zwei Passagiere saßen hintereinander. Verbrauch: 2,5 Liter. Spitze: 82 km/h. Das Ein-Liter-Auto schafft 120 km/h und braucht 0,89 Liter Diesel, denn es wiegt nur 290 Kilogramm. Wir müssen ja sparen jetzt, wer weiß, was für Krisen kommen. Würde das Ein-Liter-Mobil übrigens nicht noch weniger verbrauchen, wenn man die zwei 80-Kilo-Personen drin wegließe? Wenn es allein führe, ohne Menschen drin? Wollen wir überhaupt noch wegfahren, so gefährlich, wie die Welt geworden ist? Wollen wir nicht zu Hause bleiben und vom Balkon aus gerührt seltsamen kleinen Ameisenautos zusehen, wie sie eifrig durch unsere Straßen eilen, die Ölreserven schonend, vielleicht die Einkäufe selbstständig erledigend: kleine, süße, vollständig gezähmte Halbliter-Tiere. Ist es nicht das, was wir im Innersten wollen?

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