Kultur : Und wenn der Görge träumt

Christine Lemke-Matwey über Ausgrabungen an der Deutschen Oper



Der legendäre (und mittlerweile umstrittene) deutsche Altertumsforscher Heinrich Schliemann sprach 15 Sprachen, las Homer im Original und entwickelte für seine Grabungen die sogenannte stratigraphische Methode, die im Wesentlichen darin bestand, unter Hinzuziehung interdisziplinärer Kompetenz die „Kulturschichtenfolge“ der jeweiligen Böden zu klären. Das heißt: Schliemann wusste, was ihn in den mythischen Tiefen des Erdreichs erwartete – und zwar lange bevor er zum ersten Spatenstich ansetzen ließ. Auf diese Weise entdeckte er 1868 Troja und lieferte auch aus Mykene, Orchomenos und Tiryns umstürzlerische Erkenntnisse.

Wenn sich an der Deutschen Oper am heutigen Sonntag über Alexander von Zemlinskys hundertjährigem Musiktheater „Der Traumgörge“ der Vorhang hebt, dann weiß niemand so genau, was dieser archäologische Akt der Welt bescheren wird. Allein, auch hier scheint die „Kulturschichtenfolge“, der Humus, aus dem das Ereignis sprießt, vorab einiges zu verraten. Da ist zuallererst die kulturpolitische Dimension, die Tatsache, dass im Berliner Operngeschäft die einzelne künstlerische Bemühung gerne als Zünglein an der Waage gehandelt wird. Für das Institut an der Bismarckstraße gilt das derzeit verschärft: Ein wenig glückhafter Start mit Alberto Franchettis „Germania“, der ersten Ausgrabung der Saison, die „Idomeneo“-Affäre, ein hochnotpeinlich verpatzter „Freischütz“ – und schon fragt man sich besorgt, wie lange der Atem des Hauses wohl noch reichen wird und reichen darf, so ohne gravierende Erfolge.

Zum Zweiten ist da die künstlerische Linie der Intendantin Kirsten Harms, die ganz offensiv auf jene Ränder des Repertoires setzt, auf Verschüttetes, Vergrabenes, Vergessenes. Dass diese Maßgabe zwar einen Spielplan strukturiert, an sich jedoch noch kein Qualitätsmerkmal darstellt, war bereits leidvoll zu erfahren: Die Besucherzahlen für „Germania“ bewegten sich klar im unterirdischen Bereich. Ist möglicherweise das Risiko eines erneuten Flops also zu groß? Die Geschichte des „Görgen“, heißt es in vielsagender Arglosigkeit auf der Homepage der Deutschen Oper, erforsche das Verhältnis von „Leben und Traum, Pragmatismus und Weltflucht“ ...

Drittens aber hat die Kunst selbst ja auch noch etwas zu vermelden. Mit Joachim Schlömer als Regisseur und Jacques Lacombe am Pult geht das Haus ästhetisch durchaus auf Nummer sicher. Wem das alles an Stratigraphie noch zu wenig ist, der baue auf den guten alten Adorno, der der Welt schon 1959 – zwei Jahrzehnte vor der späten Nürnberger Uraufführung des „Traumgörgen“ und ungeachtet aller Berliner Aufgeregtheiten – Folgendes ans Herz legte: „Spricht man einmal unbefangen aus, wie verteufelt wenig gute Musik, vergangene und gegenwärtige, es in der Welt gibt, dann wird man für Zemlinsky, der ein Meister war, auch dann alle Aufmerksamkeit erbitten dürfen, wenn man die Einwände weiß, die sich erheben, ehe man ihm nur recht zugehört hat, und hinter denen in Wahrheit nichts anderes steht als der Wille, nur ja ein geschichtliches Urteil nochmals zu bestätigen, das solidarisch ist mit der schlechten Zufälligkeit und Ungerechtigkeit des Weltlaufs auch in der Kunst.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben