Kultur : "Und wer hatte Sex heute nacht?"

TOBIAS RIEGEL

Berliner Herbergsvater der besonderen Art - Christoph Schlingensief empfängt im "Hotel Prora"VON TOBIAS RIEGELEs ist ein Bild der Ruhe.Friedlich liegt es da, das Zeltlager, von gedämpftem roten Licht in einen warmen Schimmer getaucht.Ein Großteil der Gemeinde hat sich längst ins Bett verzogen.Es ist spät.Grillen zirpen.Doch plötzlich: "Beweise, daß es dich gibt!", kracht es aus großen Lautsprechern und reißt das Camp jäh aus dem Schlaf.Tusch, Fanfaren, Schlingensief!Zehn Stunden früher, Freitag 17 Uhr: Einchecken."Darf ich Sie auf Ihr Zimmer begleiten?" Der kleinwüchsige Page zeigt den Gästen den Weg.Wir folgen ihm, vorbei an der Rezeption, einem billig-kuriosen Ramschladen, in dem Zahnbürsten, Shampoo und Präservative verkauft werden.Ich habe die Sammelunterkunft (30 Mark pro Nacht mit Frühstück) gebucht - und lande in einem winzigen, in sich zusammenfallenden Armeezelt.Die Zentrale der vom Badboy der deutschen Kulturszene, Christoph Schlingensief, kürzlich gegründeten Partei "Chance 2000" ist ausgebucht.Ihr Namensgeber, das "Hotel Prora", war 1938 eine Wohnanlage der NS-Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" auf Rügen.Gigantisch, doch niemals fertiggestellt.Im Berliner Prater, der Volksbühnen-Dependance in Prenzlauer Berg, dagegen leuchten Lampions, Fernsehgeräte flimmern, ein Flipper in der Ecke rundet das Ensemble ab - Schlingensiefs "Hotel Prora", kein "Bad der Zwanzigtausend", wie von den Nazis ausgerufen, sondern eine Spießercollage.Meine etwa 35 Mitbewohner sind nicht viel besser dran.Doppelzimmer (60 Mark) und Einzelzimmer (90 Mark) sind mehr oder weniger traurige Wohnzelte, aufgebaut zwischen Bühne und einem Gitter.Hinter dem Gitter, gepfercht auf unbequemer Treppe: das Publikum, das nur fünf Mark bezahlt hat, dafür nicht mitmachen darf.Doch wobei eigentlich? "Ich werde mich hüten, irgendwelche Direktiven vorzugeben", sagt Schlingensief gleich zu Anfang.Es gibt kein Programm, die Öffnungszeiten sind abgeschafft, wer hier bleibt, weiß Bescheid und ist selber schuld."Gelebtes Theater", "Parteizentrale zum Wohnen", "Politik zum Anfassen" sind die Schlagworte, mit denen sich die Gäste gegenseitig bei Laune halten.Die ersten Stunden passiert nichts.Man wartet.Am frühen Abend gibt es ein Lagerfeuergespräch wie aus der Jugendbegegnungsstätte."Wir sind alle arbeitslos, tatsächlich oder latent", heißt es da.Ein echter Arbeitsloser ist allerdings nicht unter den Hotelgästen.Kritik an den nicht gerade "arbeitslosenfreundlichen" Preisen wird laut.Schlingensief später dazu: "Arbeitslose sind doch feige Schweine.Wenn hier einer käme und sagen würde, er hat kein Geld, wäre er natürlich drin.Aber die haben Schiß und bekennen sich nicht.Die hätten es doch am liebsten, wenn ich ihnen beim Reingehen den Judenstern aufklebe."Gegen 22 Uhr kommt langsam Leben in den Prater.Eine Laientruppe aus Behinderten, Arbeitslosen und Schauspielern, vereint in einem grellen Trash-Karaoke.Regeln oder Dramaturgie gibt es keine.Schlingensief, der freundlich und immer mit einem aufmunternden Wort auf den Lippen durch die Reihen schreitet, gibt jedem eine Bühne.Daß er dabei mit seinen spärlichen eigenen Auftritten als einsames Juwel erstrahlt, scheint ihm eher lästig.Doch ist das Hotel-Sit-in auch ein Parteikongreß.Landesverbände für "Chance 2000" sollen gegründet werden, denn das dauert, so Schlingensief, "nur eine Stunde".Laut Dietrich Kuhlbrodt, Staatsanwalt a.D.und Gründungsmitglied von "Chance 2000", gibt es schon drei: Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Berlin.Andere sollen hier bis zum 23.Mai aus der Taufe gehoben werden."Unser Stargast heute abend, der Direktkandidat für Mecklenburg-Vorpommern: Gerd!" Gerd war in seinem Leben noch nicht in Vorpommern, ist natürlich auch kein Direktkandidat.Gerd ist arbeitslos und einer der sieben "Azubis", die hier in zehn Tagen das Hotelfach lernen sollen.Am Tag zuvor waren sie ein paar Stunden im Hotel "Alsterhof" in der Augsburger Straße, das sich überraschenderweise an der Prora-Aktion beteiligt."Mal einen Einblick kriegen", wollte Gerd.Mehr, etwa Aussicht auf Job oder Ausbildung, hatte aber auch das Vier-Sterne-Hotel nicht zu bieten.Dafür hilft er hier aus und guckt sich, halb befremdet, halb belustigt, den Zirkus an.Und doch scheint er irgendwie beseelt und auf merkwürdige Art stolz auf seinen Part.Das Programm ist zu vernachlässigen.Immer wieder für eine halbe Stunde unterbrochen, gibt es eine leidlich gute Pointe hier, einen makaber-dümmlichen Zwischenbericht aus dem KZ Bergen-Belsen dort: beliebig, unkonkret und austauschbar.Bleibt die soziale Komponente.Warum setzt man sich dem aus? "Neugier", "Solidarität" und "Teilhaben" sind, laut Umfrage, die Motive."Masochismus" könnte man ergänzen.Auch das Gruppengefühl unter den Gästen will sich nicht recht einstellen - für die, die sich eine Erlebnisnacht auf Klassenfahrtsniveau vorgestellt hatten, sicher enttäuschend.Doch dafür ist Schlingensief sowieso nicht Herbergsvater genug.Als er am nächsten Morgen beim gemeinsamen Frühstück bestens gelaunt in die Runde fragt: "Und, wer hatte Sex heute nacht?", da hebt nur einer die Hand: Christoph Schlingensief. Prater, Kastanienallee 7-9, noch bis30.Mai, rund um die Uhr.

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