Kultur : Und wieder macht es wumms

Ironie statt Gurgelschmerz: Die Stahl-Rocker Rammstein parodieren sich bei ihrem Auftritt in Berlin

Philipp Lichterbeck

Rammstein häuten sich. Wie sonst ließe sich diese albern verspielte Aufführung im Berliner Velodrom verstehen, bei der sich eine der berüchtigtsten deutschen Metalbands in eine ironische Kabaretttruppe verwandelt? Um diese Veränderung zu würdigen, muss man etwas ausholen. Rammstein sind ein deutsches Phänomen. Keine andere deutsche Band erfreut sich von Moskau bis Mexiko City eines derart bombastischen Zuspruchs und ist im eigenen Land gleichzeitig so umstrittenDie sechs aus Ostdeutschland stammenden Musiker sorgen überall für proppevolle Stadien und Menschenaufläufe. Spezialeinheiten gehen in Stellung wenn sie auftauchen. . Dabei ist der internationale Erfolg die Folge eines Vorurteils. Das Sextett wird als teutonische Ausgeburt wahrgenommen. Man sieht kraftstrotzende Stahlarbeiter am Werk, die kalte Präzision mit sturer Energie und rammdösigem Rhythmus kombinieren.

Was im Ausland faszinierte, hierzulande entsetzte es die Kritiker. Als die Band dann Ausschnitte von Leni Riefenstahls Olympiafilm für ein Video benutzte, lautete das Urteil: faschistoid. Rammstein, die mit ihrem Namen auf den Ort der Flugschau-Katastrophe mit 70 Toten anspielen, reagierten beleidigt. Sie veröffentlichten das zackige „Links 234“, um klarzustellen, dass das Herz der Band nicht am „rechten Fleck“ schlage.

Mit den Anwürfen dürfte nach den drei ausverkauften Konzerten im Velodrom Schluss sein. Denn Rammstein inszenieren ihre neue Platte „Reise, Reise“ als Schauermärchen mit Dorffeuerwerk. In manchen Momenten gerät das Spektakel gar zur Operette mit Schwuchteleinlage. Nicht dass sich an Rammsteins Musik etwas geändert hätte. Die Gitarren sägen sich durch Hartholzwälder, das Schlagzeug macht gewaltig und trostlos „wumms!“, und Till Lindemann, der 41-jährige ehemalige DDR-Auswahlschwimmer, setzt noch immer Ausrufezeichen hinter jedes Wort. Dazu explodiert es unentwegt über den Köpfen der Musiker, gewaltige Feuerwände schießen aus dem Boden und schicken ihre Hitzewellen noch in die letzte Zuschauerreihe. Die präzisen pyrotechnischen Einlagen sind wie immer beeindruckend inhaltsleer.

Doch was sich nach einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ schon andeutete, in dem Lindemann und Keyboarder Christian Lorenz darüber stritten, ob man nun „Kunst“ oder „Bauernrock“ mache – nun wird es zur Gewissheit. Rammstein nehmen sich auf den Arm. Die Bühne ist eine Kombination aus Grotte und Raumschiff Enterprise. Lindemann erscheint durch eine runde Fahrstuhltür. Die Gitarristen stehen in Lederhosen auf ausschwenkenden Plattformen. Keyboarder Lorenz trägt Strapse. Wenn er nicht ungelenk wie ein Vogel Strauß tanzt oder auch mal einen Schuhplattler hinlegt, kurvt er mit einer Art Elektroroller über die Bühne. Dann zerschlägt er sogar sein Keyboard, das kannte man bis dato nur von überhitzten Gitarristen. Zum allgemein umjubelten Kannibalismus-Song „Mein Teil“ über den Menschenschlächter von Rotenburg wird Lorenz in einen riesigen Kochtopf gesteckt, während Lindemann in Kochschürze die Messer wetzt. So gerät die Anthropophagen-Einlage zum harmlosen Sandkastenspiel.

Auf den Rängen haben Familien Platz genommen. Sie rauchen Kette und grölenmit Till Lindemann „Rein, Raus“ und „Bück dich“. Und staunen über das blauweißrote Konfetti, das wie bei einer US-Wahlkampfparty zu den Klängen von „Amerika“ auf sie herabregnet. Ob jeder versteht, dass Rammstein ins Stadium der Selbstparodie eingetreten sind? Es sei dahingestellt. Eine Häutung macht aus einem Wesen noch kein neues Exemplar. Auch im neuen Gewand sind Rammstein laut und heftignoch einmal heute, Verlodrom, 20 Uhr

. Und ein bisschen schlauer.

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