Kultur : Und wo sind die Indianer?

Westernmusik für Leute, die nicht reiten können: Auf der Country Messe in Berlin provozieren die Rebellen

Philipp Lichterbeck

Wenn der Cowboy die Freiheit sucht, dann setzt er seinen Stetson auf und reist nach Reinickendorf. Dort isst er einen Donut, trinkt einen Jack Daniels und kauft sich eine neue Lederweste, ein Büffelfell oder eine Gürtelschnalle. Er fühlt sich sicher hier, wie in einer Wagenburg, keine Indianer, keine Schwarzen, nicht mal Türken. Und keiner lacht über den Waschbärenschwanz an seinem Hut oder die Cowboystiefel mit den Blechbeschlägen. Denn er ist nicht allein. Zehntausend Cowboys und -girls schieben sich über die Country Musik Messe.

Auf vier Bühnen präsentieren mehr als hundert Bands, die aus Europa und den USA gekommen sind, ihre Variationen von Countrymusik im poppigen Nashville-Sound, dem Zentrum der US-amerikanischen Countrymusikindustrie. Vor der Bühne im großen Saal stellen sich Dutzende Männer und Frauen mit Hüten in langen Reihen auf und beginnen, sich im Takt zu wiegen, zu trippeln und zu drehen. Perfekt synchronisiert. Line Dancing heißt der berührungslose Tanz, der in Deutschland mehr und mehr Anhänger findet. In den Texten der Bands geht es meist um enttäuschte Liebe und um Träume von Freiheit auf der Autobahn. Sexualität, Gewalt und soziale Konflikte kommen in dieser Welt nicht vor. Die Fernsehshow zur Messe müsste „Countrystadl“ heißen.

Der Mann, der hinter all dem steckt, sitzt in Jeans und T-Shirt im Messebüro und ist guter Dinge. Seit der ersten Country Music Messe 1996 hat der Verleger Kai Ulatowski mit seinem Geschäftspartner Frank Lange das europaweit einzigartige Western-Event zu einer internationalen Marke entwickelt. Die Besucherzahlen sind in den letzten Jahren stetig gestiegen, ebenso wie die Auflage seiner in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Western Mail“, derzeit 16 000 Stück. Für Ulatowski hängt der Erfolg der Countrymusik mit ihrer Massentauglichkeit zusammen. „Sie ist nicht provokativ, sondern erzählt vom Leben“, glaubt er. Er hält deshalb wenig vom „Hype um Johnny Cash“. Die Berliner Band The Boss Hoss, die in Feinrippunterhemden Popsongs in Country-Versionen interpretiert, ist für ihn ein „Werbegag“. Auch den größten aller Countryfilme, „Nashville“ von Robert Altman, mag Ulatowski nicht.

Trotzdem war dieses Jahr etwas anders auf der Messe: Die alternative deutsche Country-Szene verlangte Einlass. Erstmals präsentierten sich junge Bands, die Country als Fortsetzung des Punk mit anderen Mitteln verstehen. Die vier Mountain Boys etwa tragen Baseballkappen statt Cowboyhüte und nennen die Messe verächtlich eine „Schlagerveranstaltung“. Sie spielen Banjo und Kontrabass und nennen ihren Stil ironisch „Bluegrass Punk“. Die Dortmunder sind keine Einzelerscheinung, sondern gehören zu einer ganzen Reihe von Bands, die angetreten sind, die Countrymusik vom Ruf der Rückständigkeit zu befreien. Sie stellen sich in die Tradition des so genannten Alternative Country oder Americana, der in den USA zu Beginn der Neunzigerjahre aufkam. Musiker wie Will Oldham und Bands wie Wilco oder Giant Sand entdeckten damals das poetisch-sozialkritische Potential des Genres wieder, das schon in den Dreißigerjahren ausgeschöpft worden war. Und sie überschritten die in Nashville gezogenen Grenzen zur Rock- und Folkmusik. Ihren Höhepunkt erreichte diese Renaissance mit den schon legendären „American Recordings“ von Johnny Cash. Die vier Platten gehören zum Ehrlichsten, Berührendsten und gleichzeitig Kraftvollsten, was dieser Musikmarkt zu bieten hat. Sie erzeugen einen Sog, dem sich auch hartnäckige Verächter der Musik nicht entziehen können. Mittlerweile gehören Lederstiefel und bestickte Hemden zu einer Modewelle, auf der auch H & M reiten.

In Berlin sind es vor allem zwei Clubs, die alternativen Countrybands wie den Mountain Boys eine Heimat bieten. Das White Trash Fastfood, das in einem ehemaligen Irish Pub in Mitte residiert, hat die Figur des urbanen Cowboyproleten mit Stiefeln, Unterhemd und Oberlippenbart rehabilitiert. Es wird gequalmt und gesoffen, was das Zeug hält. Rundmails des Clubs richten sich an „you partyhungry, bloodthirsty sex monsters“; die Bedienungen balancieren auf Tabletts Riesenhamburger mit „get the fuck out of my way“-Gekreisch durch die Menge.

Mehr um die musikalische Seite des Country kümmert sich der Bassy Cowboyclub. Als er vor vier Jahren in einer ehemaligen Kugellagermanufaktur in Prenzlauer Berg öffnete, bekamen LKW-Fahrer mit Fahrtenschreiber freien Eintritt. Es gab schräge Country Pingpong-Abende: Da wurde eine Tischtennisplatte mit aufgedruckten Rinderschädeln auf die Tanzfläche gestellt, und Hunderte Besucher spielten Rundlauf, während kratzige Bluegrassplatten den Rhythmus vorgaben.

Auch das Bassy zog im letzen Jahr um und ist nun in den S-Bahnbögen im Monbijoupark zu Hause. Die DJane Maya Lansky, die jeden ersten Samstag im Monat dort auflegt, hält den Countryboom für eine Reaktion auf die elektronische Entzauberung des Rock in den Neunzigerjahren. Doch nun sehne man sich wieder nach der Wärme handgemachter Musik.

Dass aus dem Modetrend eine anhaltende Bewegung geworden ist, bewies der umjubelte Auftritt von vier Akustik-Bands am Samstag im Bassys. Das große Gefühlspotenzial der Musik schöpfte der großartige Sänger und Entertainer Roland Heinrich & his Homefolks mit der Sängerin Trixie aus. Heinrich im grauen Anzug mit rotem Hemd, Trixie ganz in schwarz, begleitet von Kontrabass, Cajon und Steelguitar, sangen Duette von Liebe und Lebenskatastrophen – zum Flennen schön. Und holten zum Finale auch die Musiker der Vorbands auf die Bühne: We are Westernfamily.

Der 36-jährige Heinrich, der erst kürzlich von Mühlheim an der Ruhr nach Berlin gezogen ist, gilt als der deutsche Jimmie Rodgers, ein Widergänger des Countryneuerers aus den Zwanzigerjahren. Seine Musik – er nennt sie „Hillbilly Hip“ – ist für ihn in erster Linie Heimat, die keinen Ort hat. „Diese Musik erzählt von Menschen, denen es beschissen geht“, sagt Heinrich. Aber man kann mit ihr, anders als mit Punkrock, alt werden.

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