Kultur : "Under Suspicion": Ein Verhör unter Freunden

Daniela Sannwald

Morgan Freeman muss sich an Lino Ventura, Gene Hackman an Michel Serrault und Monica Belluci an Romy Schneider messen lassen. Dabei schneiden die Herren gut ab und Belluci weniger; aber die hatte es vielleicht am schwersten. Ein Remake wird immer mit seinem Vorläufer verglichen - in diesem Fall Claude Millers "Garde à vue/Das Verhör" von 1981. Um es gleich zu sagen: Das Remake, das sich dicht an seine Vorlage hält, kann sich sehen lassen, nicht nur, aber auch wegen seiner beiden großartigen Hauptdarsteller.

"Under Suspicion" ist ein Kammerspiel, die Geschichte einer einzigen Nacht: In der Hafenstadt San Juan in Puerto Rico ist der amerikanische Notar Henry Hearst (Hackman) gerade auf dem Weg zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Da ruft ihn sein alter Freund an, Kommissar Victor Benezet (Freeman), und bittet ihn, noch kurz auf der Wache vorbeizukommen, um seine kürzlich aufgenommene Zeugenaussage zu ergänzen. Hearst hatte die Leiche eines vergewaltigten Teenagers gefunden, das zweite Opfer eines offenbar perversen Kriminellen binnen kurzer Zeit.

Benezet hält Hearst jedoch auf dem Revier fest. Der altgediente Polizist hofft auf Publicity - und eine späte Beförderung, sofern er dem prominenten Hearst das Verbrechen nachweisen kann. Dabei sind die beiden Männer Studienfreunde; während Hearst aber reich, prominent und zwar kinderlos, doch anscheinend glücklich verheiratet ist, stagniert nicht nur Benezets Karriere, sondern auch sein Privatleben. Seine Ehe ist geschieden; und den beiden Töchtern war er kein guter Vater. Das erzählt er wenigstens Hearst, den er seit Jahren kaum gesprochen hat. Was als Unterhaltung zwischen alten Freunden beginnt, wird jedoch schnell zum Verhör, bei dem Benezet sämtliche legalen und auch einige illegale Mittel ausnutzt, um Hearst zu einem Geständnis zu bringen. Als Hearsts Frau auf der Wache erscheint, um die Aussage ihres Mannes zu ergänzen, glaubt Benezet, am Ziel zu sein.

Während Claude Miller diesen erbitterten, verbalen Kampf an einem verregneten Silvesterabend in einer französischen Provinzstadt spielen ließ, inszeniert ihn Stephen Hopkins bei tropischen Temperaturen und Fiesta-Getümmel auf den Straßen. In beiden Fällen scheint das Polizeirevier eine Möglichkeit des Rückzugs, ja des Schutzes vor den Bedingungen draußen zu bieten. Deswegen verlässt Hearst die Intimität der Wache nicht - so lange er sich freiwillig, als Zeuge, dort aufhält. Das Wiedersehen mit dem Ex-Kommilitonen verspricht sogar zunächst ein vertrauliches Gespräch unter Männern - über die verlorenen Illusionen der Jugend. Gerade die ähnlich erlebten Enttäuschungen jedoch lassen Benezet den alten Freund plötzlich als pädophilen Mörder verdächtigen und Hearst seine Überheblichkeit aufgeben. Auch die wenigen außerhalb des Reviers gedrehten, kurzen Szenen betonen die Ähnlichkeit zwischen den beiden: Sie zeigen die Vorgänge, wie Benezet sich sich vorstellt und Hearst sie erinnert - jeweils bruchstückhaft, die Sicht einmal getrübt von Ressentiments, im anderen Fall vom Alkohol.

In einer großen Szene verliert Hearst im Handgemenge mit dem Assistenten Benezets sein Toupet; damit bricht nicht nur seine vorgezeigte Jugendlichkeit weg, sondern das ganze Leben. Alles scheint plötzlich möglich, auch dass er die Mädchen tatsächlich ermordet hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar