Kultur : "Uneasy Rider": Das Glück liegt auf der Straße

Silvia Hallensleben

Nahe der Route Nationale 7, einer der französischen Über-Landstraßen, an deren Rand mitunter Prostituierte in ihren Wohnwagen auf Kunden warten, steht ein diskret katholisch geführtes Heim für schwer Körperbehinderte. Hier wird die Entmündigung in die Form fürsorglicher Zuwendung gegossen. Fortschrittlich geht es zu, manchmal sogar ausgelassen: Da gibt es zum Beispiel den Gruppenausflug nach Lourdes - und auf der Rückfahrt im Kleinbus schmettern die Insassen inbrünstig Kirchenlieder.

Alles in schönster Ordnung, wäre da nicht ein dicker Myopathiker namens René. Ein Marx-Poster an seiner Stubenwand mag ihn als Sozialisten ausweisen; tatsächlich aber schikaniert er Mitbewohner und Pfleger auf geradezu asoziale Weise. Seine eigenes Handicap hat ihn dabei keineswegs gegen Intoleranz immunisiert. Sarkastisch zieht René über die fette Pflegerin Sandrine her. Überhaupt sind ihm Weiber nur "Trockenpflanzen", denen man es mal richtig besorgen müsste. Pech nur, dass er diese Aufgabe nicht selbst übernehmen kann. René (Olivier Gourmet) sitzt im Rollstuhl, leidet an Muskelschwund, und bald wird er sich überhaupt nicht mehr bewegen können.

In einem schwachen Moment gesteht er der jungen Pflegerin Julie (Nadia Kaci) seine sexuelle Not. Und er bittet sie, ihn zu einer Prostituierten zu bringen. Wer sonst würde sich auf einen halblahmen Rollifahrer einlassen? Kein Wunder, dass das Sex-Projekt im Kollegenteam nicht nur auf Zustimmung stößt. Resozialisierung, ja! Aber wo bleibt die Moral? Nur der Heim-Psychologe schlägt sich, allerdings aus durchsichtigen Interessen, auf Renés und Julies Seite.

Da Ordnung und Bürokratie vorerst triumphieren, will Julie die Grenzen der Legalität notfalls im Alleingang überwinden. Also misst sie mit dem Zollstock die Wagentüren der Nutten auf rollstuhlgerechtes Format aus. Dann verhandelt sie. Und irgendwann wird René bei einer Dame namens Florèle in den Wagen gewuchtet, die so aussieht, als wäre sie frisch einem Gemälde von Jean Renoir entsprungen ...

Bedürftige Behinderte, eine edelmütige Pflegerin und die Nutte mit Herz dazu: Klingt das nicht nach Ballung schlimmster Klischees? Erstmal ja. Doch die sexuellen Bedürfnisse Körperbehinderter gibt es, ebenso wie Ansätze in den Heimen, hier sinnvoll zu helfen. Und ist das Klischee nicht auch die zu größtmöglicher Prägnanz verdichtete Wirklichkeit? In dieser Komödie wird es auf die Spitze getrieben - und siehe da, im Augenblick äußerster Lächerlichkeit schlägt es ins Wahrhafte um. Denn die Behinderten sind durchaus auch zornig, das Liebesleben der Personals liegt mindestens ebenso im Argen wie das seiner Schützlinge, und selbst dem Heim-Psychologen werden bald intimste Abgründe entrungen.

Dieser Film rehabilitiert Behinderte und Nutten für das Kino. Er rehabilitiert aber auch das Fernsehen. Denn entstanden ist "Nationale 7" für eine ARTE-Reihe (unter dem deutschen Titel "Straße der Freuden", und damit immer noch stimmiger als jener widersinnig amerikanisierte "Uneasy Rider", den der deutsche Verleih jetzt wählte). Der Sender wollte einigen Regisseuren die Chance geben, sich bewusst im kleinen Amateur-Digital-Format auszuprobieren. Der TV-Autor Jean-Pierre Sinapi gehörte dazu - und griff sich einen Stoff, der im Wortsinn auf der Straße lag. Denn die Geschichte des sexbedürftigen Querulanten stammt aus dem Berufsalltag seiner Schwester Julie, die als Betreuerin in eben solch einem Heim für Körperbehinderte arbeitete. Gedreht wurde dort, doch - in den Hauptrollen - mit "echten" Schauspielern, die verblüffend glaubwürdig ihre Parts leben.

Fast mimetisch schmiegt sich die Kamera von Jean-Paul Meurisse an ihre Helden. Das gibt ihnen Präsenz - und die Freiheit, sich den Beschränkungen nicht nur der Räume zu widersetzen. Aus Renés Not wird ein Aufbruch: erst Gruppenpicknick vor Florèles Campingbus, dann gar Revolte, als sich der Priester weigert, den jungen Rabah seinen Wünschen entsprechend zu taufen. Rabah, algerienstämmig und schwul, ist nach der Lourdes-Fahrt konvertiert. Seine Homosexualität nimmt der Pastor noch hin. Aber muss ausgerechnet Florèle Taufpatin sein?

Wer bei diesem mit der Handkamera gedrehten Film an Dogma denkt, liegt sicher richtig. Doch so einleuchtend schlicht wie kunstvoll spielerisch haben die Dänen Wunsch-Fantasie und Wirklichkeit bisher nie verwoben. Sinapi braucht keine kunstvollen Konstruktionen à la "Idioten". Er hält sich an die Wirklichkeit, die er vorfindet und setzt sich mit leichtem Schwung in Bewegung. Dass er seine Geschichte mit ein paar tollkühnen Drehbuch-Wendungen zu einem Ende bringt, das weniger der Wahrscheinlichkeit als dem Zuschauerglück dienen mag, gehört zum Programm. Ein bisschen Utopie muss sein.

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