Kultur : Unerhörter Warner in der Wüste

NICOLA KUHN

Ganz langsam fällt ein Wassertropfen aus dem kleinen Röhrchen auf die heiße Herdplatte, vergrößert sich zunehmend und beginnt solange zu rotieren, bis die Hitze die geschlossene Form zersprengt und der nächste Tropfen sich auf der Ebene niederläßt."Sehen Sie das, diese Schönheit, diesen merkwürdig dunklen, beweglichen Punkt in der Mitte des Tropfens?", fragt fast aufgeregt der Erschaffer dieses Schauspiels und kann sich nicht sattsehen an seiner Wiederholung.Ganz einfach "Tropfen auf heißer Platte" heißt das Werk und doch wurde es erst dreißig Jahre nach seiner Entwicklung wieder realisiert.Solche Zeitsprünge sind typisch für Gustav Metzger.Sprünge über drei, vier Dekaden sind üblich bei ihm, seitdem er wieder die Kunstbühne betreten hat und endlich jene Aufmerksamkeit bekommt, die ihm eigentlich die ganze Zeit zugestanden hätte.

So dürften Gustav Metzger beim Betrachten des von ihm erzeugten Naturtheaters immer auch gemischte Gefühle begleiten.Der kleine, fast gnomenhafte Mann bleibt ein Phänomen.Jahrzehntelang fragte keiner nach ihm; in Katalogen hieß es dann immer "Verbleib des Künstlers unbekannt".Doch plötzlich genießt er wie schon in den Sechzigern Kultstatus, ist auf Podien gefragt und stellt sogar wieder aus.Die Retrospektive im Oxforder Museum of Modern Art gilt als endgültige Rückkehr eines sich bis zuletzt verweigernden Künstlers.Die Wiedererschaffung einst entwickelter Werke ist dabei weniger ein verspäteter Versuch, doch noch Karriere zu machen, sondern vor allem Tribut an die heutige Generation, die sich für den unermüdlichen Weltverbesserer und die Kunst seiner Frühzeit interessiert.

Szenenwechsel: Die renommierte Londoner Whitechapel Gallery lädt zum Gespräch.Anlaß ist die hochgelobte "Speed"-Ausstellung zum Thema Geschwindigkeit, in der neben Schwitters, Delaunay und anderen großen Namen eben auch Gustav Metzger vertreten ist.Metzger sitzt oben auf der Bühne, spricht über das Leben und die Kunst und wie beides miteinander zu vereinbaren sei.Zwar spricht er nicht von Revolution, doch mit sanfter Stimme fordert er: "Wir müssen das System attackieren." Schließlich drohe Gefahr durch Globalisierung, Umweltzerstörung, Gen-Technologie und Nuklearwaffen.

"Manchmal komme ich mir vor wie ein Warner in der Wüste", erklärt er einige Tage später im Gespräch.Nicht resigniert, sondern seiner Sache sicher wie eh - und gerade deshalb geliebt von den "Young British Artists", jener von Damien Hirst angeführten Künstlergeneration, die in den Neunzigern weit über England hinaus für Furore sorgte und ihren vorläufigen Höhepunkt in der "Sensation"-Ausstellung hat, die gegenwärtig im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen ist.Doch neben der Radikalität seiner Überzeugungen, der Konsequenz seines Künstlerlebens bis hin zu Vergessenheit und Armut, fasziniert die jungen britischen Künstler vor allem Metzgers Frühwerk, die Erfindung der "Auto-destructive art".Mag sein, daß ein großes Mißverständnis dahinter steckt, aber so wie Metzger Anfang der Sechziger mit seien Ideen schockte und damals zu solch wilden Aktionen wie Pete Townshends Gitarrenzerstörung während eines "The Who"-Konzerts animierte, so will auch Hirst mit seinen in Formaldehyd eingelegten Haifischen, Kuhhälften und Lämmern das Publikum aus der Lethargie reißen.Beim Künstlergespräch wie jüngst in der Whitechapel Gallery aber kann es jedoch dann schon mal zum Krach kommen, wenn er den Youngsters unmißverständlich zum Vorwurf macht, daß "gerade in diesem Land, in dieser Zeit keine politische Kunst gibt".

Für den heute 72jährigen selbst ist die Trennung von Kunst und Politik kaum vorstellbar.Sein ganzes Leben hat er dieser Verbindung gewidmet und sich damit nicht nur in die Gefahr des Vergessenwerdens, sondern auch an den Rand der Kriminalisierung laviert, etwa zu Zeiten, als er in der Friedensbewegung aktiv war und 1961 als Gründungsmitglied des "Committee of One Hundred" verhaftet wurde.Dieses besondere Engagement erklärt sich aus Metzgers Biographie.In Nürnberg als jüngster Sohn einer siebenköpfigen jüdisch-orthodoxen Familie geboren, wurde er 1939 gemeinsam mit seinem Bruder Max gerade noch rechtzeitig von den Eltern nach England geschickt, während sie selbst den Holocaust nicht überlebten."Für mich lautet die Antwort auf die Frage ,Darf es nach Auschwitz noch Gedichte geben?Ô nicht nur ,Ja, es darfÔ, sondern ,Es mußÔ - um diesem Horror entgegenzutreten," sagt Metzger so ruhig wie bestimmt, wenn er nach seiner Motivation gefragt wird.

"Auto-destructive art", eine sich selbst zerstörende Kunst war die Methode, mit der er diese Schrecken erwidern wollte: als Reaktion auf die Bilder des Grauens, die er seit seiner Kindheit als unauslöschliche Erinnerung in sich trägt, aber auch als Warnung vor aktuell drohenden Gefahren.In seinem Legende gewordenen Manifest von 1960 heißt es: "Auto-destructive art wiederholt die Besessenheit der Zerstörung." Sie war gedacht als eine "allerletzte subversive politische Waffe ...als eine Attacke auch gegen Kunsthändler und Sammler, die die moderne Kunst für ihren Profit manipulieren."

Mit diesen Forderungen befand sich Metzger in bester Gesellschaft, denn schon die Dadaisten, die russischen Revolutionskünstler, die Futuristen hatten ähnlich radikale Ankündigungen publiziert.Aber erst die Nachkriegsgeneration, die den Horror des Zweiten Weltkriegs noch spürte und nun das Trauma von Hiroshima und Wiederaufrüstung erlebte, machte mit ihnen ernst.Nachdem Andy Warhol mit seinen "Carcrash"-Gemälden, Lucio Fontana mit seinen zerschnittenen Leinwänden und Yves Klein mit seiner Feuermalerei zuerst Bilder der Zerstörung geschaffen hatten, gingen etwa Niki de Saint Phalle und Wolf Vostell daran, die Destruktion selbst zu inszenieren.Die französische Bildhauerin beschoß ihre Gemälde mit scharfer Munition, ihr Berliner Kollege zerlegte mit Hilfe einer Lokomotive einen Mercedes Benz.

Die wohl poetischste, aber auch präzistste Arbeit dieser Jahre lieferte Gustav Metzger im Rahmen einer Kunstauktion im Sommer 1961 auf der Londoner South Bank.Durch eine Gasmaske geschützt, bepinselte er drei aufgespannte farbige Nylontücher mit Säure, so daß sie sich innerhalb weniger Minuten auflösten.Geblieben sind von dieser Aktion nur Fotografien, was jedoch ganz im Sinne des Hauptdarstellers war, der damit dem Kunstmarkt ein Schnippchen schlagen wollte.Aber auch den folgenden Werken seiner "Auto-crative Art" war nur ein kurzfristiges Dasein vergönnt.Der "Liquid Crystal", die Projektion sich verflüssigender Kristalle in einem Dia-Apparat hatte seine großen Auftritte nur Mitte der sechziger Jahre gemeinsam mit den Rockbands "The Who" oder "Cream", zu deren Konzerten die psychedelische Stimmung dieser sich beständig ändernden farbigen Schlieren paßte.Für die Ausstellung in Oxford wurde das Werk noch einmal als "Enviroment" wiedererschaffen.Und siehe da: eine Klasse Musikstudenten hat sich zu einer meditativen Sitzung vor den Projektionen niedergelassen und erhofft sich Anregungen für neueste Kompositionen.Metzger begrüßt die jungen Leute mit freundlichem Kopfnicken; schließlich kennt er das neuerwachte Interesse an seinen Arbeiten schon aus London und wundert sich nicht, daß plötzlich auch die Musik auf ihn aufmerksam geworden ist.

Doch wie verträgt sich dies mit der einstigen Haltung des Totalverweigerers und Kunstdesperados, der seit den siebziger Jahren an keiner Ausstellug mehr teilnahm, seinen Beitrag für die documenta 5 im Jahre 1972 nur bis zum Modell ausführte und 1974 aus Protest gegen die zunehmende Kommerzialisierung zum Produktionsboykott aufrief und selbst fast ein Vierteljahrhundert von der Bildfläche verschwand? Ganz einfach: Nach all den Jahren empfinde er dies als "eine Art wohltuende Anerkenung" für seine zurückliegenden Leistungen."Und dabei bin ich mir durchaus bewußt, daß sogar etwas verkauft werden kann - für cash," fügt er hinzu.

So sind in den letzten Jahren tatsächlich verkäufliche Werke entstanden: die 1990 begonnene Environment-Serie "Historischer Fotografien".Mit ihnen fordert Metzger zu einer unkonventionellen Wahrnehmung berühmtgewordener Pressebilder auf (etwa der Rampe von Auschwitz, des Attentats in Jerusalem im November 1990 oder flüchtender vietnamesischer Kinder im Jahre 1962), indem der Betrachter über sie hinwegkriechen oder ganz dicht an ihnen vorbeigehen soll.Nach all den Jahren haben seine Arbeiten noch immer den Schrecken als Thema, und auch Metzgers Mission ist unverändert.Er bleibt der Warner in der Wüste und vermutlich unerhört, auch wenn er noch einmal die Chance hat, sie weithin hörbar zu erheben.

Museum of Modern Art, Oxford (noch bis 10.Januar), danach in Nürnberg.

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