Kultur : Unerschöpflich

Musikfest: Barenboim ehrt Elliott Carter zum 100.

Sybill Mahlke

Die Tuba, bekanntlich der Bass der Posaunengruppe im Orchester – bei Elliott Carter singt sie ein großes Solo. Diese erstaunliche Einmischung der Tuba als Melodieinstrument geschieht in „Soundings“ für Klavier und Orchester und ist Musik des 21. Jahrhunderts. Wunderklang aus der Feder eines Komponisten, der am 11. Dezember 100 Jahre alt wird.

Glänzend eröffnet das Berliner Musikfest mit einem Carter-Abend in der Philharmonie den Reigen der Ehrungen zum Geburtstag des Meisters, die sich durch die Saison schwingen werden, unter anderem bei den Berliner Philharmonikern. Auch dort wird Daniel Barenboim einmal am Pult stehen, um die Erstaufführung von Carters neuem Flötenkonzert mit Emmanuel Pahud zu leiten.

Den Auftakt aber gibt Barenboim mit seiner wendigen Staatskapelle. Wie sich dieses Orchester von Bruckner (Anfang des Monats) auf Carter umstellt, das hat mit der Bewunderung zu tun, die der Dirigent dem Amerikaner entgegenbringt.

„Soundings“ (2005) ist ein Stück, das es dirigierenden Pianisten wie Barenboim leichter macht als Mozart oder Beethoven, weil Klavier- und Orchesterpart getrennt sind. Und doch sprechen beide miteinander, vollgriffig und kantabel, bis das Farbenspiel mit einem Lächeln endet. Michelle de Young, Uraufführungssängerin von „Of Rewaking“, nimmt sich mit ihrem Wagnerton erneut der Gedichte von William Carlos Williams an, die Carter 2002 vertont hat: „Lear“ fordert dramatisch das Schlagwerk heraus, „to make a fool to cry“.

Bei einem beinahe Hundertjährigen, der seit Jahrzehnten als „Altmeister“ geführt wird, fällt es schwer, einen Spätstil auszumachen. Carter hat im Lauf seiner Entwicklung von gemäßigter, gar „orientierungsloser“ Haltung zu einer Komplexität gefunden, die Einfacheit einfängt, Bekenntnisse zum lebendigen Ton. Eine erfühlte Langsamkeit und abermals ein Tuba-Dialog ergeben sich im „Horn Concerto“ (2006), dessen deutsche Erstaufführung der Staatskapellensolist Ignacio García volltönend präsentiert.

Die „Symphonia: sum fluxae pretium spei“ (1993/96) erreicht Brucknerlänge. Inspiriert durch ein Gedicht Richard Crashaws, das eine Luftblase als „flüchtiges Gemüt des Windes“ sprechen lässt, formuliert das Werk schwebende Bewegung. Darin ist unerschöpfliche Instrumentierungskunst zu entdecken. Ein Piccoloton – was für ein Finaleffekt des aufgeregten Allegros! Dagegen ein „Adagio tenebroso“, das sich aus weiter Lage verdichtet, brucknersche Ruhe. Die „Partita“, im Auftrag Barenboims für Chicago komponiert, besticht mit züngelnden Effekten in der Einheit der Sprache. Warum Holliger, Levine, Boulez, Barenboim Carter-Fans sind? Diese Musik ist eine eigene Avantgarde auf klassischem Grund. Carters Geheimnis: zugleich klar, komplex und eingängig zu sein. Großer Beifall. Sybill Mahlke

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