Kultur : Unerwiderte Liebe

Charlotte Knobloch blickt nüchtern auf ihr Leben zurück und Dieter Graumann will die Juden von der Opferrolle befreien.

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Charlotte Knobloch. Foto: dapd
Charlotte Knobloch. Foto: dapdFoto: dapd

Über den Titel von Charlotte Knoblochs Autobiografie werden sich viele Politiker und Freunde der jüdischen Gemeinschaft freuen: „In Deutschland angekommen.“ Wenn eine exponierte Repräsentantin des deutschen Judentums so etwas schreibt, dann haben sich die zähen Bemühungen um ein Wiedererstehen der jüdischen Gemeinschaft nach dem Holocaust gelohnt. Dann wird alles gut.

Wer die 333 Seiten liest, ahnt jedoch: Als Jude in Deutschland zu leben ist immer noch ein prekärer, vorläufiger Zustand. Das Misstrauen ist nach wie vor groß. Was Charlotte Knobloch als Kind erlebt hat, ist zu monströs, als dass es im Verlauf eines Lebens in den Hintergrund rücken könnte.

Als sie sechs Jahre alt ist, hetzt sie in der Pogromnacht 1938 an der Hand ihres Vaters durch München. Vorbei an Menschen, die klatschen, wenn Juden geprügelt werden, die lachen, wenn die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte eingeschlagen werden und die johlen: „Juda verrecke“. Da ist die bürgerliche Existenz des Vaters längst zerstört. Dass er im Ersten Weltkrieg gekämpft hat, dass er treuer Patriot war, angesehener Anwalt und anerkanntes Mitglied der feinen Münchner Gesellschaft, interessierte keinen mehr. Das Kind versteht nicht viel, aber es spürt die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein und die große Einsamkeit.

Das Buch ist gut geschrieben, spannend und detailreich. Schonungslos spricht Knobloch Themen an, die sie bisher gemieden hat. Zum Beispiel das Verhältnis zu ihrer Mutter, die sich scheiden ließ, als Charlotte vier Jahre alt war. Die Gestapo setzte die zum Judentum Konvertierte unter Druck, sich von jüdischem Mann und Kind zu trennen. Knobloch ermahnt sich, „nicht über Menschen zu urteilen, die aus Angst handeln“. Doch der Schmerz ist groß, der mit der Erkenntnis kommt: Die Angst der Mutter war größer als ihre Liebe zu mir.

Das Buch ist empfehlenswert, auch weil es mehr erzählt als ein persönliches Schicksal. Es ist ein Gang durch die deutsche Geschichte, eine Rückschau auch auf die Bundesrepublik. Knobloch erinnert an das große Misstrauen zwischen Juden und Nicht-Juden, zwischen Juden und alten Antisemiten in den 50er Jahren, an das Ritualisierte und Verdruckste, das das Verhältnis bis in 80er Jahre bestimmte. Immer wieder wurde das Vertrauen erschüttert: durch antisemitische Schmierereien an neu eröffneten Synagogen, durch 68er, die gegen Israel hetzten, durch Brandstiftung in jüdischen Einrichtungen, das Desaster bei Olympia 1972 in München, 1976 die Flugzeugentführung nach Entebbe durch palästinensische und deutsche Terroristen, die die jüdischen Passagiere als Geiseln aussortierten. So deutlich, wie die Deutschen beim Sechs-Tage-Krieg hinter den Israelis standen, so sehr gelte heute die Sympathie den Palästinensern. Wo die Deutschen stehen, wenn es ernst wird, etwa im Konflikt mit Iran, da ist sich Knobloch nicht sicher. Deshalb sieht sie es auch als eine ihrer Aufgaben an, zu mahnen, zu warnen, wachsam zu sein. „Sich assimilieren, dazuzugehören mit allen Pflichten und Rechten – das ist der sehnlichste Wunsch der großen Mehrzahl der deutschen Juden“, schreibt sie über die Generation ihres Vaters vor dem Krieg.

„Das träumerische, naive und grandios gescheiterte deutsche Judentum von früher, erfüllt und getragen von der stets einseitig und unerwidert gebliebenen Liebe zu Deutschland, gibt es nicht mehr und wird es so auch nie wieder geben“, schreibt Dieter Graumann in seinem Buch „Nachgeboren, vorbelastet?“ Das schließt freilich nicht aus, dass sich Juden „ganz selbstverständlich und zunehmend hierzulande zu Hause fühlen“.

Graumann ist Knobloch im Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland nachgefolgt. Seine Eltern haben den Holocaust überlebt. Er selbst ist nach dem Krieg geboren und doch geprägt vom Trauma der Eltern. Graumann will das Judentum in Deutschland herausholen aus der „Dauer-Mecker-Ecke“. „Mein Herzensanliegen, das ich transportieren will: Judentum bedeutet nicht nur Shoah und Antisemitismus, sondern viel mehr: Wissen, Wärme, Werte, Substanz und Sinn, Tiefe, ein moralisches Fundament, aber auch Fantasie, Herzlichkeit, Humor, Selbstironie und eine putzmunter ausgelebte Tradition.“ Um das Positive zu zeigen und die intellektuelle Kraft des Judentums, plant Graumann in Berlin eine Jüdische Akademie und möchte große Kulturfestivals veranstalten. Er sucht auch die Nähe zur muslimischen Gemeinschaft und beobachtet mit wachem Blick, mit welchen Anfeindungen diese Minderheit zu kämpfen hat, um ihr gegebenenfalls den Rücken zu stärken. Es ist ein neuer Weg, der nicht mehr so sehr von Angst geprägt ist. Ob er in die Zukunft weist oder in die Sackgasse, hängt davon ab, ob die nicht-jüdische Mehrheit bereit ist, ihn mitzugehen. Claudia Keller

Charlotte Knobloch mit Rafael Seligmann: In Deutschland angekommen. Erinnerungen. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012. 333 Seiten, 22,95 Euro.

Dieter Graumann: Nachgeboren. Vorbelastet? Die Zukunft des Judentums in Deutschland. Kösel Verlag, München 2012. 224 Seiten, 19,99 Euro.

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