Kultur : Unfrei willig

„Mein Avatar und ich“ an der Neuköllner Oper

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Das Internet ist eine gewaltige Herausforderung für Opern- und Musicalmacher. Ort- und Zeitlosigkeit des Mediums entziehen sich der Festlegung im Bühnenraum, seine Zweidimensionalität ist kaum auf die drei Dimensionen übertragbar. Tollkühn, dass sich Peter Lund und Thomas Zaufke mit elf Studierenden des Musicalstudiengangs der UdK an der Neuköllner Oper dennoch kopfüber ins Netz gestürzt haben. Dass „Mein Avatar und ich“ dabei zur ästhetisch geschlossensten Produktion der erfolgreichen Reihe geworden ist, hat viele Ursachen: Eine ist, dass der regieführende Textdichter Lund das Verhalten von Chatraumbesuchern genau beobachtet hat. Das zeigt sich nicht nur in der Sprache des Stücks, sondern auch in nerdtypischen Accessoires wie den Essensresten neben dem Laptop, die auf Ulrike Reinhards Atari-grauer Bühne platziert sind.

Die größte Überraschung aber ist der Umgang mit der Körperlichkeit. Was die Darsteller dieses Jahrgangs in der Choreographie von Neva Howard an Körperkontrolle und Gesang leisten, ist bemerkenswert. Die exakten Bewegungen sind das ideale Mittel, um die gestylte Welt der Internetportale darzustellen. Grandios, wie der Teenie Joschi (Benjamin Sommerfeld) auf sein Alter Ego, den Superhelden Baze, trifft, oder wie Jörg-Felix Alt als Avatar beweist, dass es dem Menschen gegeben ist, wie ein Smiley zu grinsen.

Die Ähnlichkeiten zwischen Avatar und Mensch sind es, die dem Stück eine philosophische Tiefe geben, etwa im bösen Gesang „Wir sind alle willenlose Wesen“, mit dem die Avatare von der Illusion des freien Willens Abschied nehmen. Thomas Zaufkes Musik bringt den Saal zum Rocken. Düster untermalt sie den Endkampf von Baze und Bee Cruel auf dem Dach des brennenden Reichstags. Das Vexierspiel von echter und künstlicher Realität ist vollkommen. Carsten Niemann

Wieder vom 2. bis 5. sowie vom 9. bis 12. Dezember.

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