Kultur : Unfreies Ich

Theatertreffen: „Krieg und Frieden“ aus Leipzig.

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Nicht ganz geschafft. Gegen halb zwölf sackt das Kinn doch auf die Brust, und als der Besucher wieder aufschreckt, steht gerade ein Schauspieler vor der ersten Reihe und spricht mit einem Zuschauer. Meint der etwa mich?

Nein. Er legt einer Dame etwas weiter dar, warum es mit der menschlichen Entscheidungsfreiheit nicht weit her ist. Tausend Einflüsse, die unsere Handlungen untergründig beeinflussen!

Hinter dem Schauspieler reißt das Bühnenbild (Tilo Baumgärtel) sein beeindruckendes Maul auf. Eine Boden- und eine Deckenfläche, deren Abstand sich ständig verändert. Mal ist die Decke himmelweit oben, mal senkt sie sich tief herab und wird zur beängstigenden Presse, in der die Schauspieler sich bücken müssen. Das Ich mit seinen Illusionen – es wird an diesem Abend auf vielfältige Weise zerquetscht.

Sebastian Hartmann hat eine Theaterversion von Tolstois 2000-Seiten-Roman „Krieg und Frieden“ aus Leipzig mitgebracht. Fünf Stunden, vierzehn Schauspieler. Das Gute: Er zeigt, wie man ein Stück Literatur auf die Bühne bringt, ohne einfältig die Handlung nachzuleiern – was am Abend zuvor Luk Perceval mit Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ gemacht hat. Hartmann geht dagegen motivisch vor und destilliert aus dem Gesellschaftspanorama und den Schlachtgemälden der Napoleonischen Kriege Oberthemen wie Ich, Glaube, Sehnsucht, Tod, Salon, zu denen dann die Schauspieler mal im Chor skandieren, mal kammerspielartige Szenen anspielen, um im nächsten Moment allein zwischen mehren Rollen hin- und herzuspringen. So wie es keine feste Figurenzuschreibungen gibt, so wechselt auch ständig der Ton, von hochfahrend pathetisch bis zur karikierenden Übertreibung. Stark sind im Mittelteil die stillen Szenen, in denen ganz ernsthaft über Gott, Reue, Verlust und die Fragen des sinnhaften Lebens gesprochen wird. Man verliert zwar den Überblick, aber Tolstois kraftvolles Ringen um das Gute, für ein, zwei Stunden ist der Geist des großen Epos da. Dafür, dass der Mensch ziemlich unfrei sein soll, hat sich Sebastian Hartmann im Folgenden aber reichlich Freiheiten genommen. Vor allem die des hemmungslosen Slapsticks und der unmotivierten Fratzenzieherei, in der die Figuren schnell zur Lachnummer verschrumpeln. Die Diskrepanz zwischen Großtheaterpose und vertändelten Nummern wirkt vor allem auf die Augenlider. Andreas Schäfer

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