Kultur : Ungarische Filme: Der Glaube an sich selbst, die letzte Illusion

Hans-Jörg Rother

Was macht ein Ungar, wenn er in der Lotterie das große Los zieht? Er legt sich mitnichten auf die faule Haut, schon gar nicht vergisst er seine alten Freunde. Gewiss, auf die enge Mietwohnung verzichtet er gern zugunsten eines Eigenheimes in sonniger Hügellage, er lernt, sein Geld vorteilhaft anzulegen, aber im Herzen bleibt ein richtiger Ungar die treue Seele, die er immer war. So versichern es uns György Csabán (Regie) und Sándor Buglya (Buch) in ihrer wie auf dem Reißbrett entworfenen Story eines Arbeiters, der auf seine alten Tage viel Glück hat: "Feri und das süße Leben".

Wer hofft, die freundliche Ironie des Films würde ins Satirische umkippen, wird enttäuscht. Zwar driften die Familienmitglieder auseinander, auf der Suche nach dem verlorenen Sohn droht Feri in den Weiten Kanadas verlorenzugehen. Die Furcht vor der großen Welt, von der man sich magisch angezogen fühlt, gehört zu den ungarischen Ursyndromen, gewinnt aber in dieser peniblen Inszenierung kein Gewicht, denn die Botschaft lautet: Den gewöhnlichen Ungarn der älteren Generation bewahrt seine sozialistische Sozialisation davor, ein Kapitalist mit Haut und Haaren zu werden. Geld kann seinen Charakter nicht verderben, es öffnet ihm lediglich viele verschlossene Türen.

Zuweilen ist es gut, wenn ein Gespräch mit den Filmschöpfern dem stockenden Verständnis aufhilft. In der Barockstadt Eger, berühmt durch ihre im Kampf gegen die Türken erprobte Festung, gelb schimmernde Kirchen und einen kräftigen Rotwein, kann man dies eine Augustwoche lang im 27. Jahrgang erleben. Einst war die Sommeruniversität ein beliebter Treffpunkt, vor allem für Cineasten aus der DDR, denen die kritikfreudige magyarische Filmkunst mehr zusagte als die vorsichtige der Defa. Gäste aus Polen, der Tschechoslowakei, Frankreich und Italien, seltener aus der Bundesrepublik, sorgten für eine weltoffene Atmosphäre. Es war wie eine Probe auf die Zukunft, doch als sich mit der Wende jedermann frei bewegen konnte, verlor das Ost-West-Podium am Fuße der Weinhügel rasch an Bedeutung.

Könnte dies auch am ungarischen Film liegen? Dank staatlicher Zuwendungen und Fernseh-Kooperation werden in Budapest jährlich fast 30 Spielfilme hergestellt, mehr als je zuvor, aber nur wenige davon sind künstlerisch oder politisch aufregend. Früher bedeutete es etwas, mit eigener Stimme zu sprechen, sich an die eigene Erfahrung zu halten und den kollektiven Dogmen kein Ohr zu leihen. Miklós Jancsó und István Szabó, um nur zwei berühmte Namen zu nennen, nahmen so ihren Anfang. Heute findet Szabó Produzenten und einen Großteil seines Publikums im Ausland. An der Budapester Filmhochschule, die alle fünf Jahre fünf Regiestudenten aufnimmt, verlangt er von seinen Schülern, mit einem autobiographischen Low-Budget-Film zu beginnen. In diesem Sinn hat Ferenc Török, auch er kam nach Eger, die aufmüpfigen Späße seiner Abiturklasse im Jahr von Kádárs Tod (1988), die stets am "Moskau-Platz" - so auch der Titel - ihren Anfang nahmen, unterhaltsam in Szene gesetzt. Die derben Streiche stehen für die völlige politische Abstinenz dieser Generation. Wenn Töröks alter ego am Schluss in den Zug nach Paris steigt, begleitet ihn keine Vision, kein Traum, wie ihn Szabós Junghelden hegten, sondern das No-Future-Gefühl der Gegenwart.

In den neuen ungarischen Filmen wird der gute Glaube, der die Zeitgenossen wie ein Schutzmantel umgibt, auffällig oft bemüht. Er bewahrt auch die junge Unschuld vom Lande, die in Agnes Inczes erstem abendfüllendem Film "I love Budapest" den Versuchungen der Großstadt ausgesetzt ist, vor einer zweifelhaften dolce vita. Bedeutungsvoller sind freilich die Erfahrungen eines neunjährigen Jungen, die Arpád Sopsits, ein Hoffnungsträger der mittleren Filmgeneration, in seiner neusten Arbeit "Torsos" als persönlichen Rückblick auf die frühe Kádár-Zeit darstellt: Während der Vater im Gefängnis sitzt, erlebt Aron die Schrecken eines Kinderheimes, wo er und seinesgleichen zu gehorsamen Untertanen erzogen werden sollen. Doch selbst unter den Bedingungen der Repression, wie sie 1960 herrschten, kann sich der Blick, statt hart zu werden, für die Sternzeichen am Himmel öffnen und können gute Menschen reifen.

Wie problematisch dagegen ein verordneter ideologischer Glaube werden kann, offenbarte unfreiwillig der Eröffnungsfilm der Sommeruniversität "Sacra Corona" von Gábor Koltay. Er wurde im Regierungsauftrag anlässlich der mit viel Aufwand begangenen Jubiläumsfeier zur ungarischen "Landnahme" gedreht und stellt die blutigen Diadochenkämpfe unter den Söhnen des Königs Stephan im 11. Jahrhundert, keinen Aufwand, keinen Horroreffekt scheuend, vor Augen. Treue oder Treulosigkeit, Barmherzigkeit oder gnadenlose Härte sind hier die moralischen Eckdaten eines Spiels, dass sich um außenpolitische Bedingungen der bedrängten ungarischen Lage wenig kümmert und für wirkliche Lebensbedingungen schon gar kein Interesse bezeigt. Der autoritäre Ton des Films ist unüberhörbar.

In der gärenden Epoche der jungen osteuropäischen Demokratien erweist sich oft der Dokumentarfilm als der ehrlichere Partner des Publikums. Eine gute Stunde lang nimmt Sándor Mohi Teil an der Situation einer jungen Roma-Frau, die weder ihr Lachen noch ihre Schicksalsergebenheit verliert, als ihr rauflustiger Mann, kaum ist er einmal aus dem Gefängnis entlassen, mit einer anderen davonzieht: "Wie es Gott bestimmt - Olgas Film". Der Glaube an sich selbst als letzte Illusion oder Hoffnung. Die kargen Schwarzweißbilder von der Roma-Siedlung, die freilich in Rumänien liegt, die ausgedörrte Landschaft und das Wechselspiel zwischen Freude und Trauer auf Olgas Gesicht bleiben ebensolang im Gedächtnis wie die von Olga gesungenen Lieder. Ein preisverdächtiger Film.

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