Kultur : Ungarisches Sprichwort: Nein

Der Autor lebt als Erzähler[Essayist] Dra

Auf der Schwelle dieses neuen Jahrtausends saugt der alte Mensch die Luft tief in seine Lungen ein. Ein Jahrtausend hat er überlebt, dennoch kann er sich nicht sicher sein, dass ihm auch das nächste zu überleben gelingt. Dieses Bestreben verlangt nach mehr Weisheit, als bisher nötig war.

Der alte Mensch hat noch in jungen Jahren gelernt, dass er sich dem Strom der Zeit entgegenzustemmen vermag, wenn er sich an ein altes ungarisches Sprichwort hält. In seiner druckfähigen Fassung klingt es etwa so: "Stets bekommt der stärkere Rüde das Hundefräulein." Damals hatten ihm noch die im Sprichwort enthaltene Entschiedenheit und Realitätskenntnis imponiert, doch nach einer gewissen Zeit fragte er sich selbst, ob die schwächeren Rüden weniger Recht auf Zärtlichkeit hätten und ob die Hundefräuleins allein die Stärke anzöge. Mit einem Wort: Er wich vom Weg der Weisheit ab, weil er den Zweifel akzeptierte. Er fragte sich selbst, ob ihm die erwähnte Goldene Regel gefalle, und er musste sich die Antwort geben: "Nein." Deshalb sperrten sie ihn in eine große Schachtel und sagten ihm, dass er nachdenken möge.

Der alte Mensch, noch in jungen Jahren, mobilisierte in der Schachtel seine ganze geistige Kraft, um sich die Goldene Regel der Weisheit zu Eigen zu machen. Der Triumph des stärkeren Rüden, räsonierte er, harmonisiert mit den Gesetzen der Natur, mit jenen Kräften, denen wir nachgeben, so oft wir essen und schlafen. Ein paar knappe Jahre reichten aus, dass er sich erneut weise fühlen durfte. Er spürte, dass ihn nun der Anblick der Welt mit Glück erfüllen würde. Er durchlöcherte seine Schachtel und spähte hinaus ins Freie. Dort sah er einen Friedhof, herbstliche Bäume, und auf einem der Gräber zwei Hunde im Liebesspiel. Er vergaß sich im Anblick ihrer Wonne, bis plötzlich ein vor Kraft strotzender Köter ins Bild rannte, den Gespielen aus der Hündin herauszerrte und sich in seinem Nacken verbiss. Das Blut spritzte, schreckliches Gewinsel erklang, woraufhin der Voyeur durch den Sehschlitz sprang und brüllte: "Bein!" In diesem Augenblick stürzte seine Schachtel zusammen wie ein Kartenhaus.

Der alte Mann fand sich in seinen jüngeren, aber nicht mehr ganz so jungen Jahren nicht mit dem Scheitern ab. Da ihm die zu einem langen Leben nötige Weisheit allein nicht zufallen wollte, versuchte er, aus den Erfahrungen anderer zu schöpfen. Er fraß sich durch zahlreiche Bücher, bis er fand, was er suchte. "Geschichten vom Herrn Keuner", lautete der Titel, und ein Deutscher namens Brecht hatte es geschrieben. Darin ist zu lesen, wie zu einem gewissen Herrn Egge, der gelernt hatte, wie man Nein sagt, in der Zeit der Illegalität ein Agent mit einem schriftlichen Befehl kam. Darin stand, dass er ihm in allem zu dienen habe. Der Agent fragte Herrn Egge, ob er dazu bereit sei. Anstatt ihm zu antworten, bettete ihn Herr Egge in sein eigenes Bett, deckte ihn zu, vertrieb ihm die Fliegen und diente ihm sieben Jahre lang ohne ein Wort. Als der fett und schlaff gewordene Agent starb, schleifte Herr Egge die in eine Decke gewickelte Leiche aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: "Nein."

Auch so können wir also Nein sagen, dachte sich der in die Jahre gekommene Mensch, nicht nur vor Verzweiflung brüllend. Wenn wir uns nicht selbst verleugnen, können wir eine Zeit lang sogar dem Schlechten dienen. Der stärkere Rüde genießt nur so lange die Gunst des Hundefräuleins, bis ihn die Altersschwäche befällt. Herr Egge dachte perspektivisch, seiner Strategie gab die Zeit recht.

Einmal jedoch beschlich ihn der Gedanke, dass der Agent womöglich jeden Tag einen Bewohner der Stadt tötete, während ihn Herr Egge umsorgte. Wenn wir in die eine Waagschale die 2557 Leichen werfen, in die andere hingegen das "Nein", welches Herr Egge am Ende triumphierend aussprach, kommt die Waage dann ins Lot? So wie er die Frage auf diese Weise formulierte, fällte er auch schon das Urteil: "Nein."

An der Schwelle zum neuen Jahrtausend hofft der alte Mensch nur mehr noch, dass ihm dieses "Nein" treu bleibt. Jedenfalls so muss er das kommende Jahrtausend überstehen. Manchmal fragt er sich: "Wird es gelingen?" Die Antwort: "Nein." - "Und ist das schlimm?" - "Nein." - "Gibt es einen besseren Weg?" - "Nein." - "Dann ist also alles in Ordnung?" - "Nein, nein und abermals nein."

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