Kultur : Ungeduldiges Papier

Steffen Richter

kennt Bücher gegen Gedächtnisschwäche Es ist alles eine Frage des Adrenalins. Wissen Sie eigentlich, warum Sie sich an die Umstände der Maueröffnung vor 15 Jahren noch genau erinnern? Und warum Sie vermutlich keine Ahnung mehr vom 9. November 2002 haben? In außergewöhnlichen Situationen gibt es einen Adrenalinschub, der Ihre Gedächtniskapazität kurzzeitig erweitert. Das nennt man „Blitzlicht-Erinnerung“.

So zumindest erklärt der niederländische Psychologe Douwe Draaisma das Phänomen. Zudem bleibt alles, was zum ersten Mal passiert, besonders gut im Gedächtnis haften: der erste Kuss oder die erste Italienreise. Und Mauern fallen schließlich auch nicht alle Tage um. Alles, was Routine ist, versinkt hingegen im „Tal der Erinnerung“. Wie das im Einzelnen funktioniert und „Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird“ (Eichborn), erklärt Draaisma heute (19.30 Uhr) in der Urania .

Was man dagegen tun kann, sagt er auch: viel aufschreiben. Keiner weiß das besser als der Autor des „Echolots“, eines kollektiven Tagebuchs der deutschen Weltkriegsjahre. Nun kommt Walter Kempowski , ein Großmeister der verschriftlichten Erinnerung, heute in Lehmanns Fachbuchhandlung (Hardenbergstr. 5, 20.15 Uhr). Lesen wird er aus seinem Roman „Letzte Grüße“ (Knaus). Darin denkt der Schriftsteller Alexander Sowtschik während einer Reise durch die Neue Welt über das Alte Europa und sein eigenes Leben nach. Sterben wird er übrigens am 9. November 1989. Das Datum scheint sich seinem Autor tief eingeprägt zu haben.

An den 23. Januar 1910 dürfte sich die Familie Wertheim mit stolz geschwellter Brust erinnern. Da kam Kaiser Wilhelm II. höchstselbst, um das gigantische Warenhaus in der Leipziger Straße zu begutachten. Hier gab es alles: Damenstrümpfe für 98 Pfennig, eine riesige Konservenabteilung, ein Reisebüro und einen Teesalon. 1938 wurde das jüdische Unternehmen „arisiert“. Heute gehört es zum gebeutelten Karstadt-Konzern. Warum die Nachfahren der Wertheim-Dynastie derzeit auf Entschädigung klagen, erfährt man in Die Wertheims (Rowohlt Berlin), einem spannenden Stück Erinnerungskultur. Die Autorinnen Erica Fischer und Simone Ladwig-Winters stellen ihr Buch am 20.10. um 20 Uhr im Haus Schwarzenberg (Rosenthaler Str. 39) vor. In derselben Straße hatte Georg Wertheim 1885 seine erste Berliner Filiale eröffnet.

Dass man das Gedächtnis „nicht kommandieren“ kann, weiß neben Draaisma auch Marcel Bénabou . Der aus Marokko gebürtige Pariser Professor für Römische Geschichte wollte schon lange das Familienepos von „Jacob, Menachem und Mimoun“ (Berlin Verlag) aufschreiben. Gerüche, Bilder und Stimmungen liegen bereit – doch mit jeder Erzählung verändert sich die Erinnerung. Das verhindert nicht, dass aus den Trümmern ein literarisch beeindruckender Roman entsteht. Gehen Sie hin und überzeugen Sie sich: am 21.10. im Literaturhaus (20 Uhr).

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