Kultur : Ungehemmt positiv bei "Klavier um vier"

Jörg Königsdorf

Ob einem Pianisten Schumanns "Sinfonische Etüden" gelingen werden, entscheidet sich meist schon ganz zu Anfang: Spielt er das schlichte Grundthema zu lapidar, weckt es keine Neugier auf die nachfolgenden Variationen - spielt er es zu interessant, verliert es seine Funktion als bloßes Grundmaterial für die schöpferische Phantasie des Komponisten. François-René Duchable trifft bei seinem Recital im Kammermusiksaal genau den schmalen Grat zwischen beiden Absturzgefahren. Bedächtig wägt er die auf- und absteigenden Motivteile, als ob er sie beim Spielen auf ihre weitere Verwendbarkeit prüft, und lässt der Melodie doch ihren simplen kantablen Reiz. Das hat schon die Unaufdringlichkeit guten Geschmacks, die als Grundlinie das ganze Programm bestimmen wird - ein Musiker der provokativen Übertreibung, wie etwa der Finne Olli Mustonen, war Duchable nie. Schon seine ersten Aufnahmen aus den siebziger Jahren zeichnen sich durch die Kombination von Klangschönheit und formaler Klarheit aus, und bis heute hat er diese Perspektive nicht wesentlich verändert - seine Werksichten sind lediglich noch tiefenschärfer, noch ökonomischer im Mitteleinsatz geworden. Selbst die losjagenden con-fuoco-Ausbrüche der Chopin-Balladen spielt er langsamer als er es mit seiner tadellosen Technik eigentlich könnte, lässt den großen erzählerischen Bogen in lichter Klangtransparenz aufscheinen. Beethovens "Waldstein"-Sonate bekommt Duchables geistreiches Understatement vielleicht am besten: Das ist ein ungehemmt positives Stück voller blitzendem Witz in den übermütigen Kontrastwirkungen - und ein Klassiker, der ohne Provokation auskommt.

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