Kultur : Ungeheuer normal

Die Galerie Nothelfer zeigt Henri Michaux

Michael Zajonz

Die Frage, wann und warum Künstler erneut an Aktualität gewinnen, gehört zu den Mysterien des Kunstmarkts. Der Charlottenburger Galerist Georg Nothelfer vertritt seit einem Vierteljahrhundert den Belgier Henri Michaux, einen prägenden Künstler des Tachismus. Jahrelang interessierte sich kaum jemand für ihn. Doch nun erlebt Michaux eine Renaissance – zumindest in London und Paris. Für Berlin hat Nothelfer eine exquisite Ausstellung von 30 Arbeiten zusammengestellt. Jahrelange Kontakte zu Michaux’ Witwe und Sammlern der ersten Stunde machen es möglich.

Großformate waren nicht die Sache des hauptsächlich auf Papier arbeitenden Michaux. Nothelfer kann mit einer 90 mal 150 Zentimeter messenden Tuschezeichnung auf Fotoleinwand ein rares Exemplar vorweisen (90000 Euro). Es gehörte ehemals zur Sammlung der Fondation Maeght in Saint-Paul-deVence und wird Nothelfer auch auf die Pariser Fiac begleiten.

Das unverwechselbare Universum des Henri Michaux enthüllt sich allerdings auch in kleineren Arbeiten. Der Mann, der schon in frühen literarischen Reiseberichten der „enttäuschenden Realität“ die „Erschaffung imaginärer Welten“ entgegensetzte, sublimierte auch als Maler. Seine in den Fünfzigerjahren begonnenen „Mouvements“ (ab 12500 Euro) verarbeiten den Tod seiner ersten Frau. 1966 greift er die Chiffren des Erinnerns in „Parcours“, einer Mappe mit Radierungen, noch einmal auf (je 3500 Euro).

Auch wenn Nothelfer diesmal auf die berühmten „Meskalin-Drawings“ verzichtet, Blätter, die unter dem Einfluss von Meskalin und anderen Rauschgiften entstanden, kann er ein berauschendes Tableau innerer Gesichte aufblättern. Allen voran die in den Siebzigerjahren entstandenen „Köpfe“, mehr psychologischer Abdruck als Abbild äußerer Realität. Er wolle, so schrieb Michaux in einem Essay, „das ‚Normale’ enthüllen, das verkannte, das ungeahnte, das unglaubliche, das ungeheure Normale. Das Anormale hat es mich kennen gelehrt.“

Galerie Georg Nothelfer, Uhlandstraße 184, bis Ende November, Dienstag bis Freitag 11–18.30 Uhr, Sonnabend 10–14 Uhr.

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