Kultur : Ungeheuer oben

Der Berliner Galerist Gunar Barthel feiert gleich drei Jubiläen

Michael Zajonz

Der Galerist Gunar Barthel trägt am linken Unterarm eine Apparatur, die aussieht, als könne man mit ihr Geistesblitze abschießen oder die Kunstwelt aus den Angeln heben. Beim letzten Ausstellungsabbau hat er sich einen komplizierten Bruch des Handgelenks zugezogen. Und das wenige Tage, bevor der gebürtige Chemnitzer mit einer Ausstellung seinen 50. Geburtstag, das 25-jährige Berufsjubiläum und 15 Jahre Galerie in Berlin feiert. Andererseits wirkt die martialische Bruchschiene wie ein Maskottchen: Ohne Glück, aber auch Mut, Erfindungsgabe und Selbstironie wäre der Sprung aus der sächsischen Provinz in die Fasanenstraße kaum gelungen.

Chuzpe bewies der frisch diplomierte Germanist schon 1979, als er sich für die Nachfolge von Georg Brühl als Leiter der Galerie „Oben“ anheuern ließ. Brühl, der Jugendstilsammler und verkappte Großbürger von – wie sich 1991 herausstellte – Stasis Gnaden, hatte aus der genossenschaftlichen Kunstgewerbegalerie im damaligen Karl-Marx-Stadt einen kulturellen Treffpunkt gemacht. Den Künstlern im Galerievorstand war er jedoch zu konservativ. Der junge, literatur- und jazzbegeisterte Barthel sollte, so erinnert sich der ältere Künstlerfreund Thomas Ranft, neues Publikum anlocken, ihnen sonst aber nicht allzu sehr hineinregieren.

Ranft hatte bereits 1977 mit Michael Morgner, Carlfriedrich Claus und anderen Dissidenten die Produzentengalerie „Clara Mosch“ gegründet. Das legendäre Fantasieweib gab 1982 in staatlicher Zwangsumarmung den Geist auf. Als robuster erwies sich die Galerie „Oben“ unter Barthels Regie, obwohl auch er stets zwischen künstlerischem Anspruch und ideologischem Einspruch vermitteln musste. Bis zu seiner Ausbürgerung 1987 hatte er das kommerziell selbstständige Unternehmen zum wohl wichtigsten Diskussions- und Ausstellungsort nonkonformistischer Kunst in der DDR umgebaut: „Wir waren keine Nischen- oder Zimmergalerie. Das war unser Schutz.“ Was die Stasi nicht davon abhielt, 120 Spitzel auf den Galeristen und seine Künstler anzusetzen. Die meisten haben sich bis heute nicht entschuldigt.

„Kunst als Produktivkraft“ lautete der Titel einer der „Mittwochsveranstaltungen“. Barthel entwickelte diese zu einer Art sich periodisch erweiterndem Gesamtkunstwerk mit gesellschaftspolitischem Resonanzraum. Der noch unbekannte Schauspieler Ulrich Mühe, Musiker wie Dietmar Diesner und Günter „Baby“ Sommer, der Schriftsteller Volker Braun, sie alle kamen, sahen und teilten ihre Gedanken mit dem Publikum. Barthel erwarb sich in der Szene schnell den Ruf einer „schillernden Figur“, wie sein ehemaliger Mitarbeiter Tobias Tetzner, der seit 1989 die Galerie „Oben“ führt, neidlos anerkennt. In der ab Dienstag geöffneten, sehr persönlichen Retrospektive zeigt Barthel auch Künstlerplakate, die wichtige „Oben“-Ausstellungen der Achtzigerjahre dokumentieren: Gerhard Altenbourg, Strawalde, Lutz Dammbecks Herakles-Projekt.

Nach der Übersiedlung in den Westen und einem Intermezzo in Bremen erreichte ihn aus Berlin das Angebot, Galerieräume in der Fasanenstraße zu übernehmen: „Ich hab nach drei Stunden zugesagt.“ Seine erste Ausstellung mit Gemeinschaftswerken des Münchner Kollektivs Herzogstraße eröffnete er drei Wochen, bevor die Mauer fiel.

Für die Münchner Gruppen um Helmut Sturm engagiert sich Barthel noch immer. Wie Ranft, Morgner und Claus versuchten sie sich trotz individueller Fliehkräfte immer wieder an künstlerischer Kollektivarbeit. Mit den Dresdner Einzelgängern Hermann Glöckner, Max Uhlig und Eberhard Göschel eint sie der Hang zum Seriellen. Und mit einem sächsisch-subversiven Urgestein à la Klaus Hähner-Springmühl teilt man den handwerklich kraftvollen Zugriff. 1992 probten Münchner und „Moschisten“ deutsch-deutsche Kunstannäherung im monumentalen Selbstversuch: Barthel zeigt die 15-teilige Gemeinschaftradierung des „Projekts Trübsbachberg“.

Konkret und programmatisch – so verstehen Tetzner und Barthel ihren Einsatz für Künstler, die im Westen erst langsam entdeckt wurden. 2003 schlossen sich die beiden auch geschäftlich zusammen, nach erfolgreichen Messekooperationen von Basel bis Madrid und einer gemeinsamen Dependance in Köln. Künftig, so Barthel, soll in einem Teil der Berliner Galerie die Geschichte der bisher unterschätzten Künstler weiter archiviert und erforscht werden. „Aber 20 Jahre als Galerist möchte ich schon noch durchhalten.“

Von kommendem Dienstag bis zum 22. September in der Galerie Barthel + Tetzner, Fasanenstraße 15, Dienstag bis Freitag 14–19 Uhr, Sonnabend 11–15 Uhr.

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