Kultur : „Ungekämmt, unrasiert, mit kaputter Nase“

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Eigentlich hätte JeanPaul Belmondo die Hauptrolle kriegen müssen. Der war vor 40 Jahren das Vorbild, als J ean-Michel Charlier und Jean Giraud ihren Comic-Helden erfanden. „Um Blueberry als Antikonformist erscheinen zu lassen, habe ich ihn so beschrieben: ungekämmt, verfilzt, unrasiert, mit kaputter Nase“, erinnerte sich der Autor Charlier. Daraufhin habe der Zeichner Giraud entgegnet: „Das ist Belmondo.“

Der Franzose mit dem rüpelhaften Charme hatte es ihnen angetan. Der stand damals, 1963, für einen kulturellen Aufbruch, dem sich auch Charlier und Giraud (der 1989 starb) verpflichtet fühlten. „Ich fügte in die damals noch junge Welt der Comics einen Verweis auf eine andere, eher avantgardistische Kultur ein“, erinnert sich Giraud.

Was damals als Serie für eine vor allem von Schülern und Studenten gelesene Zeitschrift begann, wurde zum Klassiker der frankobelgischen Comicliteratur. Girauds detailreiche, düstere Darstellung des amerikanischen Westens und die vielschichtigen, widersprüchlichen Charaktere rund um den aufrechten, aber unkonventionellen Draufgänger Blueberry sind Meilensteine auf dem Weg der gezeichneten Bildgeschichte zur anerkannten Kunstform. Dass Giraud heute als einer der größten, einflussreichsten und produktivsten lebenden Comic-Künstler gilt, verdankt der 66-Jährige jedoch nur zum Teil seiner Figur Blueberry, deren Abenteuer er in rund 40 Alben festhielt. Ebenso bedeutend sind die fantastischen Zukunftsvisionen , die er in den 70er und 80er Jahren unter dem Pseudonym M oebius schuf. Seitdem gilt er als artistischer Dualist: Giraud als Meister des klassischen Abenteuercomics, Moebius als Visionär der neunten Kunst.

Den Blueberry-Film hat Giraud freundschaftlich begleitet, sich aber aus Einzelheiten herausgehalten. „Gelungene Adaptionen sind wie gute verwandtschaftliche Beziehungen: Sie brauchen Entfernung.“ Die Handlung ist an zwei herausragende Alben angelehnt, die Giraud selbst als Höhepunkte seines Epos bezeichnete: „Die vergessene Goldmine“ und „Das Gespenst mit den goldenen Kugeln“ – eine Geschichte über Gier, Gewalt und Wahnsinn. Allerdings warnt Giraud davor, nach Parallelen zu seinem Werk zu suchen: Der Film sei „wie ein entferntes Echo aus den alten Comics und auch etwas total anderes.“ Lars von Törne

Charlier/Giraud: Die vergessene Goldmine/Das Gespenst mit den goldenen Kugeln, Neuauflage bei Ehapa, 120 S., 22 €. Zack-Dossier: Blueberry und der europ. Western-Comic, Mosaik, 96 S., 39 €.

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