• "Ungelöschter Kalk": Die Theatergroep Hollandia zeigt in Berlin den Reichstags-Brandstifter als modernen Woyzeck

Kultur : "Ungelöschter Kalk": Die Theatergroep Hollandia zeigt in Berlin den Reichstags-Brandstifter als modernen Woyzeck

Peter Laudenbach

Es hätte keinen besseren Ort für das erste Berliner Gastspiel der derzeit wichtigsten holländischen Theatergruppe geben können. Weil bei den Aufführungen des kleinen Sommerfestivals "Spiel-Räume" nicht in geschlossenen Theatern, sondern im öffentlichen Raum gespielt wird, findet ausgerechnet im kühl funktionalen Innenhof der Bundespressekonferenz eine Zeitreise in die zwanziger und dreißiger Jahre statt, die die Theatergroep Hollandia mit ihrem Stück "Ungelöschter Kalk" unternimmt.

Wo sonst Staatssekretäre und stellvertretende Fraktionsvorsitzende ihre Reden halten, kam an diesem Theaterabend ein Anarchist zu Wort. Nur einen Streichholzwurf vom Reichstag entfernt, taucht man ein in das Leben des Marinus van der Lubbe, der im Februar 1933 den Reichstag anzündete - eine verzweifelte Geste, eine tragische Figur. Was als Fanal gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus gedacht war, wurde von der rechten Propaganda als Schreckenstat einer kommunistischen Verschwörung dargestellt, während die Kommunisten in van der Lubbe nur einen Wirrkopf und Strohmann der Faschisten sahen. Die naive Geste des Protests wurde von Machttaktikern instrumentalisiert und so gegen sich selbst gewendet.

Die Bühne steht in denkbar größtem Kontrast zur eleganten Funktionalität der Macht, den die Bundespressekonferenz wie der umgebaute Reichstag so apart ausstrahlen. Verrostete Eisenplatten als Spielfläche, metallene Sichtblenden, einige alte Werkzeuge, ein Holzgestell, auf dem verkohlte Zeitungen gestapelt sind wie vergessene Überbleibsel der Geschichte, verstaubte, beschädigte Dokumente, letzte Zeugen eines eigensinnigen (heute würde man sagen: dysfunktionalen) Lebenslaufes. Am Ende, als van der Lubbe den Reichstag anzündet, schlägt der Schauspieler auf diesen Berg verkohlter Zeitungen ein und eine gewaltige Staubwolke füllt den sauberen Innenhof. Der Staub der Geschichte, die Spuren einer gescheiterten Revolte legt sich für einen Augenblick über die Reinheit der auf reibungsfreie Funktion beschränkten, erinnerungslosen Gegenwart im Neuen Berlin.

"Ungelöschter Kalk", den Lebens-Monolog van der Lubbes, hat der Dramaturg Tom Blokdijk aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen seines Protaganisten montiert. Das Stück ist kein Historiengemälde, sondern ein Psychogramm, eine Reise in den Kopf Marinus van der Lubbes. Fedja van Huet spielt ihn, und wie er das tut, ist beängstigend und faszinierend: ein verstörter Mensch, eine Woyzeck-Figur, ein getretener, hilflos aufbegehrender Proletarier. Seine Sprache ist leicht verrutscht, bildreich, aber grammatikalisch nie ganz sicher, jemand, der in der Welt fremd ist, keinen Ort in ihr hat, sich die Realität nicht recht aneignen kann. Breitbeinig, kraftvoll wirkt er zunächst wie einer, der kein Geld und keine Chance hat, aber sich durchzuschlagen weiß. Nur seine im Kreis gehenden Gedanken kommen ihm dazwischen, sein naiver Kommunismus, das nicht durch realitätstüchtigen Zynismus gedämpfte Leiden an der Ungerechtigkeit, seine Träume von einer schöneren Welt: "Man muss der alten Welt einen Tritt geben, damit sie schneller einstürzt."

Aus dem ungeschützten Ausgeliefertsein an die eigenen, nur halb verstandenen Gefühle, aus dem Umkippen der immer wieder aus ihm herausbrechenden Wut in die seltenen Momente kindlich ungebrochenen Glücks entwickelt Fedja van Huet das Porträt eines verzweifelt Aufbegehrenden, der davon träumt, nach China oder Sowjetrussland zu reisen, den Ärmelkanal zu durchschwimmen - oder, als letzter, verzweifeltster Traum, die deutschen Arbeiter zum Aufstand gegen Hitler aufzustacheln: jemand, der gerade in seinem Verlorensein ganz bei sich ist - eine großartige schauspielerische Leistung. Dieser Abend, der beim Internationalen Festival Taormina einen prominenten Preis erhielt, ist eine traurige Liebeserklärung, die melancholische Erinnerung an einen gescheiterten Aufständischen, der Blick auf einen modernen, zerrissenen, verquälten Woyzeck.

Unverständlich ist es, dass die Berliner Festwochen dem Publikum nur zwei Aufführungen dieser Inszenierung gönnen. Es wird, hoffentlich, nicht das letzte Berliner Gastspiel der Theatergroep Hollandia bleiben: Die Sophiensäle wollen die Ausnahmetruppe einladen und für das Jahr 2002 planen die Festwochen eine große Hollandia-Produktion in der zum "Festspielhaus" umgetauften Freien Volksbühne.

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