Ungewöhnliche Aufnahmen : Mauerpanoramen: Die volle Breitseite

Die Schriftstellerin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer haben Panoramabilder entdeckt, die die frühe Berliner Mauer zeigen. Im Tagesspiegel sprechen Sie über den Fund und ihre Zusammenarbeit.

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Die Mauerpanoramen in unserer Fotostrecke stammen aus dem Buch: "Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer" von Annett Gröschner und Arwed Messmer. Die Bildunterschriften beziehen sich auf Protokolle der DDRGrenzregimenter zu Mauer-Rufen aus dem Westen. Grenzübergang Chausseestraße. Ein 35- bis 40-jähriger Westberliner legt in Höhe Sicherungslinie einen Brief und zwei Zigaretten auf das Geländer und ruft dem Posten zu: "An Walter Ulbricht weiterleiten!" Der Posten gibt zwei Warnschüsse ab, der Mann täuscht ein Getroffensein vor und krümmt sich mit den Worten zusammen: "Ich sterbe für Deutschland." Foto: BArch-DVH 60 Bild-GR33-03-063 bis 073, o. Angabe, Rekonstruktion und Interpretation Arwed MessmerWeitere Bilder anzeigen
Foto: BArch-DVH 60 Bild-GR33-03-063 bis 073, o. Angabe, Rekonstruktion und Interpretation Arwed Messmer
02.08.2011 13:33Die Mauerpanoramen in unserer Fotostrecke stammen aus dem Buch: "Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer" von Annett Gröschner...

Frau Gröschner, Herr Messmer, eine Schriftstellerin und ein Fotograf organisieren eine Ausstellung mit frühen Mauerbildern, die von Ost-Grenztruppen angefertigt wurden, und stellen dazu Texte, die vom Westen aus über die Mauer gerufen wurden. Wie hat alles angefangen?

GRÖSCHNER: Ich war 1995 an einem Projekt über die Gleimstraße beteiligt und habe dafür im Militärhistorischen Archiv in Potsdam recherchiert. Dahin habe ich Arwed mitgenommen, und wir haben diese Bilder entdeckt, in einem Archivkarton, lauter zusammengerollte Negativfilme. Niemand hatte sie untersucht.

MESSMER: Als ich die Filme 1995 das erste Mal in der Hand hatte, hatte ich noch keine Ahnung, was mit ihnen technisch alles möglich ist. Als ich für die Berlinische Galerie die Ausstellung „So weit kein Auge reicht“ mit den Straßenpanoramen von Fritz Tiedemann zusammengestellt habe, habe ich mich an die Filme erinnert und bin noch einmal ins Archiv nach Freiburg gefahren, wo das Material inzwischen lag. Ich habe alle verrückt gemacht, weil ich die Signatur von 1995 nicht mehr hatte, sondern nur noch wusste: ein Karton mit Filmen von der Mauer. Aber die Archivare haben es gefunden.

Sie sind in gewissem Sinne ein Idealteam: Ein Fotograf und eine Schriftstellerin, er aus dem Westen, sie aus dem Osten, beide 1964 geboren. Wie haben Sie sich kennen- gelernt?

GRÖSCHNER: Arwed wollte 1992 ein Buch über Trebbin machen, einen kleinen Ort in der Nähe von Berlin, und hat jemanden gesucht, der ihm einen Text schreibt. Aber mein Text wurde zensiert, er war dem damaligen Bürgermeister zu kritisch. Das kannte ich eigentlich nur aus DDR-Zeiten. Damals haben wir gesagt, dann machen wir eben etwas anderes zusammen.

Wie würden Sie Ihre Zusammenarbeit beschreiben?

GRÖSCHNER: Wir haben gemeinsam viel zum Thema Aufarbeitung gemacht. Uns interessierte: Wie war der Alltag in der DDR? Nehmen wir das Buch, das wir über das Kernkraftwerk in Rheinsberg gemacht haben. Es hätte nichts genutzt, wenn wir hingekommen wären und gesagt hätten: Wir haben etwas gegen Kernkraft, aber erzählt doch mal, was ihr hier macht. Es hat nur funktioniert, weil wir die Menschen dort in ihrem Beruf als Ingenieure ernst genommen haben, weil wir neugierig waren. Das kommt auch aus meiner Geschichte: Ich wurde die ersten 25 Jahre meines Lebens beständig belehrt, das brauche ich heute nicht mehr, und ich will auch niemanden belehren.

Und doch arbeiten Sie mit dem Material, indem Sie es bearbeiten, zusammenstellen, auswählen. Ist das nicht doch eine Fiktionalisierung?

GRÖSCHNER: Jeder Satz in Buch und Ausstellung kommt aus Akten oder aus Gesprächen, da ist nichts ausgedacht. Die Geschichten der Leute sind oft interessanter als das, was man sich ausdenken kann. Die Protokolle sind in einer furchtbaren Sprache geschrieben, in diesem für diese Zeit typischen Nominalstil. Hinzu kommt eine Vielzahl von Abkürzungen – da steht PTA, Pioniertechnische Anlage, statt Mauer. Wir haben das in eine Sprache übersetzt, die auch heute verständlich ist.

Die Fotos sind keine Profifotos, sondern von Laien angefertigt. Was weiß man über die Urheber?

MESSMER: Die Fotos sind wahrscheinlich von vier verschiedenen Fotografen gemacht worden, entsprechend den Grenzregimentern. Man erkennt weniger die Handschrift der Fotografen als die der Kamera – die Objektive und Schärfeverläufe lassen sich genau zuordnen.

GRÖSCHNER: Der Auftrag war: Sie sollten in Horizontalschwenks fotografieren. Die Fotografen waren aber manchmal ziemlich unkonzentriert. Wenn sie nur einen Schritt zur Seite getreten sind, funktionierte der Anschluss nicht mehr.

Gibt es andere Mauerbilder dieser Art?

GRÖSCHNER: Die Bilder sind regelmäßig aktualisiert worden. In den Akten von 1970 findet man zum Beispiel eine Beschwerde vom Grenzübergang Chausseestraße, dass man immer noch keine neuen Panoramabilder hat. Die alten wären nicht mehr brauchbar. Vieles von dem Material ist nicht mehr auffindbar – entweder zu DDR-Zeiten vernichtet oder nicht mehr zuzuordnen.

Das heißt, das Material ist bis heute nicht bearbeitet, ein ungehobener Schatz?

MESSMER: Wir waren erstaunt, dass so manche Schlüsselsignaturen offenbar überhaupt nicht untersucht worden sind. Doch unsere Arbeit unterscheidet sich von der der Historiker. Für sie ist Fotografie in erster Linie Illustration, die denken nicht von der Bildseite her. Unser Ansatz war: Was bedeutet es als visueller Erfahrungsraum, wenn ich 250 Meter Ausstellungswand abgehen kann und damit die vollständige innerstädtische Mauer erlaufe?

GRÖSCHNER: Wenn man diese Strecke abschreitet, denkt man am Ende: In welcher Stadt hat man eigentlich gelebt? Wie hat man das ausgehalten? Selbst mir geht es so. Ich habe ab 1983 in Berlin gelebt, aber damals habe ich, wie viele andere auch, die Mauer komplett verdrängt. In den Westen gehen, ja, das war ein Thema, aber dass diese Mauer verschwinden würde, war im Kopf überhaupt nicht drin. Es gab ja auch nur wenige Stellen, wo man bis an die Mauer herankam. Es hat mich verwirrt, als ich das erste Mal an der Wollankstraße stand und die Straßenbahnschienen unter der Mauer lang verliefen. Auf der anderen Seite war die S-Bahn noch in Betrieb, da hingen die Fahndungsplakate von der RAF, die ich nur als Faksimile kannte und Leute standen da, die auf den Zug warteten. Es war wie ein Film.

Was hat die Beschäftigung mit den Fotografien an Ihrem Mauerbild verändert?

MESSMER: Das kollektive Bild der Mauer ist durch die Mauer aus Fertigteilen, die sogenannte Grenzmauer 75 geprägt. Es war überraschend zu sehen, wie temporär die frühe Mauer war, wie handwerklich schlecht verarbeitet, schnell hochgezogen, relativ planlos und mit dem Material, das gerade verfügbar war. Das sieht man übrigens auch an den Wachtürmen, das reicht von Jägerhochsitz bis zum Lagerwachturm, und es wird einem plötzlich klar, wie nah 1966 noch an 1945 ist.

Ihr Buch über die Mauer ist eigentlich ein Buch über Grenzsoldaten. Sie sind die Adressaten der Zurufe aus dem Westen, sie haben die Fotos gemacht. Und doch kommen sie selbst nie zu Wort. Warum?

GRÖSCHNER: Ich hatte überlegt, ob ich versuche, die Soldaten von damals zu finden. Aber wir haben uns entschlossen, bis auf wenige Ausnahmen nur mit Archivmaterial zu arbeiten. Die meisten, die ich gefragt habe, wollten auch nicht reden. Für mich ist es wichtig, dass die Menschen Geschichten erzählen und nicht argumentieren, weil sie das Gefühl haben, sie müssen sich rechtfertigen. Deshalb war es uns wichtig, einen Text im Buch zu haben, der erklärt, unter welchen Bedingungen die einfachen Soldaten dort standen. Zu der Zeit wurden fast keine Abiturienten an die Mauer geschickt, fast nur Arbeiter- und Bauernkinder. Sie waren meist nicht älter als 20, viele waren zuvor noch nie in Berlin gewesen, jetzt standen sie plötzlich an der Grenze zwischen zwei Welten.

Das Buch besteht aus zwei Blickrichtungen: Die Bilder der Mauer von der Ostseite aus, dazu als Text die Rufe vom Westen aus, die im Osten protokolliert wurden. War diese Kombination von Anfang an geplant?

GRÖSCHNER: Die Beschimpfungen haben mich schon bei meinen Recherchen zur Gleimstraße fasziniert. Am Anfang lief die Kommunikation vom Westen in den Osten organisiert, über das Studio am Stacheldraht mit Lautsprecherwagen, das entwickelte sich zu einem regelrechten Lautsprecherkrieg und wurde bald wieder eingestellt. Stattdessen hat man Schilder an der Mauer aufgestellt, mit Sätzen wie: „Soldat, mit deiner Schuld bleibst du allein.“ Viele Westberliner gingen einfach mal zum Schimpfen an die Mauer oder um irgendetwas rüberzuwerfen, Zigaretten oder Zeitungen.

Interessant ist, dass die Aufnahmen gar nicht dem Bild entsprechen, das man vom Westen hat. Vieles wirkt trist, schäbig.

MESSMER: Es ist sehr verwirrend: Man denkt oft erst einmal, man schaut in den Osten.

GRÖSCHNER: Da gibt es das Panorama einer Kleingartenkolonie in Neukölln. Da hat ein Ehepaar rübergerufen „Kommt in den goldenen Westen“, und der goldene Westen sieht aus wie der Osten.

Das heißt, Sie wollen auch eine Fehlwahrnehmung korrigieren?

GRÖSCHNER: Die Panoramen korrigieren sie. Mit Blick auf die DDR und die Mauer gibt es eine Kanonisierung, was wie war, die wird auf diesen Bildern hinterfragt. Die Mauer war nicht die ganze Zeit weiß und aus Beton, sie hatte viele Stellen, an denen man denken konnte, da kommt man doch ziemlich leicht rüber, was aber leider ein Trugschluss war.

MESSMER: Das Bild vom Westen ist eingedampft auf Kranzler-Eck, Bikinihaus und Kudamm. Dabei war die Stadt in dieser Zeit, abgesehen von Leuchtturmprojekten wie der Karl-Marx-Allee oder dem Hansaviertel, noch ziemlich homogen.

Der Alltag an der Mauer, auch das wird deutlich, bestand aus Langeweile. Aber es gab durchaus auch Kontaktaufnahme.

GRÖSCHNER: Die Protokolle dokumentieren eine einseitige Kommunikation. Aber in den Disziplinarakten sieht man, dass es einen schwunghaften Handel mit Zigaretten gab oder dass die Soldaten sich mit den Mädchen getroffen haben, da wurde das Passierscheinabkommen genutzt, um Dates zu verabreden. Man spürt auch deutlich die Sechzigerjahre-Atmosphäre: Die Mädchen haben mit dem Kofferradio am Fenster getanzt, sich ausgezogen und gerufen: Kommt doch rüber. Es war ein Spiel, ungefährlich. Aber manchmal haben sie sich auch wirklich mit den Soldaten getroffen, oder Briefe an deren Heimatadresse geschrieben. Wenn diese Kontaktaufnahmen rauskamen, wurden die Soldaten entlassen und manche sind wahrscheinlich dafür auch ins Militärgefängnis gekommen.

Bei den Fluchtgeschichten, die Sie dokumentieren, überwiegen die anekdotischen Episoden. Ist das nicht verharmlosend?

GRÖSCHNER: Das stimmt nicht. Wir haben bewusst eine Auswahl getroffen, die einen Proporz hält zwischen gelungenen und misslungenen Fluchten. Natürlich erzählt sich eine Geschichte von einer Frau, die betrunken an die Mauer geht und ein Kleidungsstück nach dem anderen zurücklässt, und man fragt sich, was hatte sie eigentlich noch an, als sie im Westen ankam, leichter. Oder der Mann, der betrunken nach der Kneipe in die falsche Richtung geht und plötzlich an der Mauer landet. Aber eine der Geschichten, die mich am meisten berührt haben, war die von dem Westberliner Lagerarbeiter, der betrunken in den Spandauer Schifffahrtskanal gesprungen ist, weil er sich abkühlen wollte, und als er zurückschwamm, für einen Flüchtling gehalten und erschossen wurde.

Annett Gröschner, geboren 1964 in Magdeburg, ist Schriftstellerin in Berlin. Bekannt wurde sie mit dem Roman „Moskauer Eis“. Arwed Messmer, geboren 1964 in Baden-Württemberg, lebt als freier Fotograf in Berlin. – Der Band „Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer“ erscheint bei Hatje Cantz (752 Seiten, 49,80 Euro). Die Ausstellung mit den Mauerpanoramen ist vom 5. August bis 3. Oktober täglich von 10 bis 20 Uhr im Ausstellungsraum Unter den Linden 40 zu sehen.

Das Gespräch führte Christina Tilmann

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