Kultur : Ungewöhnlicher Tanzabend: Blonder Junge in Strumpfhosen

Sandra Luzina

Ist das eine Tanzvorstellung - oder eine Party? Ein Song von Janis Joplin ist zu hören, Aretha Franklin fordet "Respect". Ja, was denn sonst? Die Tänzer sind bereits auf der Bühne, wenn die Zuschauer den Saal betreten. In Trainigsklamotten machen sie Lockerungsübungen. Respekt - und auch Neugier waren es, die Mikhail Baryshnikov veranlasst haben, einen ungewöhnlichen Tanzabend zusammenzustellen, der einigen Recherche-Aufwand verlangte. Nicht nur Bühnenstücke werden vorgestellt, sondern ein künstlerisches Programm.

"PASTForward - the influence of the post-moderns" erinnert an den künstlerischen Aufbruch im Amerika der 60er und 70er Jahre. Präsentiert werden Arbeiten von sieben Choreografen, die dem Judson Dance Theater in New York angehörten. Sie bildeten keine Schule; was sie einte, war der Geist der Revolte. Einige Schlüsselwerke von damals sind zu sehen, kombiniert mit Arbeiten aus den 90er Jahren. Der Name Judson steht für eine Ära. Und der demokratische Impuls, der anti-elitäre und anti-autoritäre Affekt teilen sich heute noch mit. Sind wir in einer Nostalgie-Veranstaltung, die sich in ein besseres Amerika zurückträumt?

Es ist nicht seine eigene Jugend, die Baryshnikov sich zurückholt. Ein Videofilm erzählt davon, wie das Projekt zustande kam. Zu sehen ist auch ein blonder Junge in Strumpfhosen, der brav seine Sprünge übt - Baryshnikov, der angehende Superstar, zuerst beim Kirov-Ballett, später in den USA. Der konnte natürlich nicht wissen, was seine Altergenossen jenseits des Atlantiks so treiben. Das holt er jetzt nach. Der Abend hat etwas von Volkshochschule - im besten Sinne, verbindet er doch Erziehung mit Entertainment. Einiges wirkt trocken, asketisch. Erstmals sind aber auch alte Arbeiten zu sehen, die bis heute nichts von ihrer Kraft verloren haben. Die Judson-Generation hatte den Tanz als Kunstform damals radikal in Frage gestellt und sich künstlerische Freiheiten erkämpft, von denen die Choreografen von heute wie selbstverständlich profitieren. Und tauchen nicht wieder ähnliche Fragestellungen auf, wenn jüngere Choeografen sich vom "künstlerischen" Tanz ab- und der Performance-Kunst zuwenden?

"Satisfyin Lover" von Steve Paxton entstand 1967. Wie könnte er aussehen, der Herbeigesehnte? Paxtons Konzept ist so einfach wie genial. Er lässt Menschen, die weder trainiert, noch hochspezialisiert sind, über die Bühne gehen. Anhalten, Hinsetzen, Weitergehen. Hier sind es Berliner, junge und alte, dünne und gewichtige, die die einfachen Vorgänge ausführen. "Physical things" interessieren Paxton. Er nimmt das Gewöhnliche in den Blick, die alltägliche Bewegung. Nicht der Ideal-Lover, nicht der Ideal-Körper werden ausgestellt. Paxton feiert die Pluralität. Also: Was du siehst, ist, was du kriegst. Aber schau genau hin!

"Trio A" von Yvonne Rainer galt einmal als Manifest der neuen Ästhetik. Ein Katalog von Bewegungen, die unbetont und unstilisiert wirken. Als Solo konzipiert, ist das Stück in zahlreichen Fassungen aufgeführt worden. Drei Versionen präsentiert das "White Oak Dance Project"; was als Duett den Blick schärft, entwickelt als Gruppenstück einen anderen Drive. "Carnation" von Lucinda Childs von 1964 besticht durch seinen radikalen Witz und seine Kritik am Warenüberfluss, vorgeführt von einer domestizierten (Haus-)Frau. Mit Sieben, Schwämmen und Plastikmüllsack verwandelt die Darstellerin ihren Körper in ein surrealistisches Objekt. Einen großartigen Abschluss bildet Lucinda Childs "Concerto" zu Musik von Górecki. Exemplarisch wird vorgeführt, wie der Minimal Dance aus eher simplen Bewegungen komplexe Strukturen webt.

Baryshnikov selbst ist mit einigen Solo-Arbeiten zu sehen. In dem witzigen "Chair" ist er so frei, seinen Anzug abzulegen. Seine Ballettherkunft hat er nicht ganz abstreifen können; im Ensemble mit den jüngeren Tänzern ist sie deutlich zu erkennen. Zu beeindrucken vermag der 53-Jährige immer noch - seine Flexibilität und Offenheit stellt er an diesem Abend hinlänglich unter Beweis.

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