Kultur : Ungleiche Brüder

Erstmals finden Art Cologne und Düsseldorfer Kunstmesse gleichzeitig statt

Daniel Völzke

Die Vernissage-Besucher stehen im Foyer, plaudern, trinken Kölsch. Rheinische Gemütlichkeit. Doch aus der angrenzenden Ausstellungshalle grüßt eine nervöse Wanduhr. Zwar stehen ihre Zeiger still – doch das Ziffernblatt rotiert irrwitzig schnell. Diese Arbeit von Via Lewandowsky, vom Berliner Galeristen Michael Schultz prominent gehängt, bringt in Erinnerung: Der Kunstbetrieb beschleunigt weiter, immer mehr Akteure erschweren die Orientierung und die Experten warnen vor Überhitzung. Es tut sich etwas, und so recht weiß noch niemand, wo das alles hinführt. Von wegen Gemütlichkeit.

Die Kölner Kunstmesse Art Cologne, deren 41. Ausgabe mit 190 Ausstellern eröffnete, spürte in den vergangenen Jahren steigenden Druck: Zu viele Teilnehmer, zu wenig Übersicht und Nachwuchs, lauteten die Urteile. Die Organisatoren reagierten und vergaben weniger Ausstellungsplätze, strukturierten das Programm mit Förderkojen und Sonderausstellungen. Mit Spannung wurde nun die radikalste Maßnahme erwartet: der Termintausch mit der Cologne Fine Art. Die Art Cologne fühlte sich im Herbst zwischen dem Berliner Art Forum, der Londoner Frieze und der Art Basel Miami bedrängt. Vertrackt nur, wenn nicht gar dämonisch wie eine Lewandowsky-Uhr: Rheinabwärts startete nur einen Tag später ausgerechnet in der Rivalenstadt Düsseldorf mit der ersten dc-duesseldorf contemporary eine Messe, die Käufer abwirbt. Zudem eröffnet wenig später die bei den Sammlern beliebte Art Brussels. Messechef Gérard Goodrow demonstrierte am Eröffnungstag in Köln dennoch Gelassenheit: „41 Jahre sind wir alt, da weiß man, was man hat.“

Man hat: in vier Hallen große Namen wie Salis & Vertes aus Salzburg, Ludorff aus Düsseldorf oder die Münchner Galerie Thomas, die museale Offerten von Klassischer Moderne bis zur Nachkriegsavantgarde anbieten. Attraktivster Spitzenwert dürfte ein „Mann mit Pfeife“ von Picasso mit 3,8 Millionen Euro sein. „Das Stammpublikum begrüßt die Terminverlegung“, hört man in der Galerie Thomas, die sich zuversichtlich gleich auf zwei Ständen präsentiert. Ihr Glanzstück: eine farbgewaltige Abstraktion von Sam Francis (1,25 Millionen Dollar).

Schon in den ersten Stunden verkauften sich Knüller wie eine große Arbeit von Sigmar Polke bei Ulrike Schmela, Fotografien der Serie „Buenos Aires“ von Candida Höfer in der norwegischen Galleri K (um 60 000 Euro) aber auch echte Entdeckungen wie die comichaften Bilder, Skulpturen und Installationen David Shers in einer Einzelpräsentation der Galerie Leo Koenig (ab 5300 Euro). Ob die New Yorker nächstes Jahr wiederkommen, ist ungewiss: „Die wichtigen Sammler bleiben fern“, heißt es hier.

Wenige Schritte weiter öffnet sich der kuratierte Open Space: ein mit weißem Teppich ausgelegtes Feld für junge Kunst, diesmal mit dem Schwerpunkt Berlin. Newcomer wie Sandra Bürgel, Kunstverwandte wie die Zentrale Intelligenz-Agentur oder Etablierte wie Gisela Capitain, die Nicht-Etabliertes vorstellen, kommen in einladender Lounge-Architektur zusammen.

Gegen diese 80 Galerien und Projekte umfassende Messe in der Messe tritt mit 85 Galerien die duesseldorf contemporary an. Auch hier sind die Teilnehmer wie im Open Space durch eine prominent besetzte Jury ausgesucht, auch hier geht es vor allem um Kunst des 21. Jahrhunderts. Die Organisatoren der ersten von Gruner + Jahr veranstalteten Kunstmesse hatten viel versprochen: Kunst sammelnde Stars sollten auftreten, Namen wie Madonna oder Robbie Williams fielen. Bei der Eröffnung stellte Direktor Walter Gehlen nun klar, dass die dc keine Eventmesse sei.

Jenseits davon ist der Düsseldorfer Messe der Erstauftritt jedoch gelungen. Tageslicht schafft freundliche Atmosphäre, schräg gestellte Kojenwände erlauben überraschende Variationen. Vor allem aber fällt die Qualität der Arbeiten kaum ab. Zugpferd Casey Kaplan aus New York ist mit Jonathan Monk, Liam Gillick und Talenten wie Gabriel Vormstein dabei. Die Thomas Erben Gallery, ebenfalls aus New York, zeigt kindlich-brutale Bilder der jungen Koreanerin Haeri Yoo (2000–7000 Dollar). „Für solch einen Projektstand war Düsseldorf die richtige Adresse“, sagt ein Mitarbeiter. „In Köln belastet die Kunst des 20. Jahrhunderts neuere Arbeiten.“

Geltung entfaltet auf der dc auch der Stand der Galerie Konrad Fischer, die gemeinsam mit anderen Düsseldorfern wie Sies + Höke, Anna Klinkhammer oder Conrads für Köln verloren gegangen ist. Konrad Fischer glänzt buchstäblich durch eine die ganze Koje füllende Bodenarbeit aus reflektierendem Klebeband von Jim Lambie (60 000 Euro, reserviert für ein Museum). Ihre Farben umrahmen schimmernd die teuerste Offerte der Messe, eine begehbare Skulptur von Carl André (120 000 Euro).

Viele Aussteller sind nach Düsseldorf gekommen, weil eine neue Show Beachtung findet. Tatsächlich drängten die Besucher zur Eröffnung. Ob sie wiederkehren, wissen die meisten Teilnehmer noch nicht. Erst mal feiert im Herbst die Art Cologne Palma de Mallorca Premiere. Nach allen Klagen über den satten Markt legt das alte Schlachtschiff Art Cologne selbst noch einmal ab. Die Uhren ticken nicht mehr richtig – sie drehen durch.

Art Cologne, Kölner Messehallen 4 + 5; dc-duesseldorf contemporary auf dem Düsseldorfer Messegelände, beide bis 21.4.

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