Kultur : Ungleiche Cousinen

In größter Nähe so fern: 1903 entstand Maurice Ravels F-Dur Streichquartett, im selben Jahr schrieb auch der zwei jahre älterer, 1873 geborene, Max Reger sein Streichquartett d-Moll.In beiden Werken wirken die Themen des kunstvoll gearbeiteten Kopfsatzs im gesamten Opus nach, beide setzen den langsamen Satz an dritte Stelle und fügen zuvor einen dahinhuschenden VivaceSatz ein, beide machen das Finale zum kraftvollen Kehraus - und Ravels wie Regers Quartett stieß bei vielen Zeitgenossen auf Unverständnis.Und doch lassen sich kaum zwei gegensätzlichere Werke denken, wie die Gegenüberstellung der ungleichen Cousinen zeigte, die das Philharmonia-Quartett jetzt im Kammermusiksaal präsentierte.

Hyperkomplex in seinen Strukturen, erfüllt vom Geist der Polyphonie sich verschlingenden Instrumentallinien, maßlos in seiner zeitlichen Ausdehnung (55 Minuten!), verlangt Regers d-Moll Quartett höchste Konzentration bei Interpreten wie Publikum.Eine Herausforderung, die die vier Streicher des Berliner Philharmonischen Orchesters und ihre Zuhörer an diesem Abend souverän bewältigen.Als spröde Kopfmusik zeigen die Musiker vom Philharmonia-Quartett Regers gelehrte Quadrupeldiskussion, sie durchmessen die Weiten der Durchführungen und Variationen mit festem, zielgerichtetem Schritt, lassen im Vivace - vom Komponisten selber als "urputzig" apostrophiert - bärbeißigen Witz aufscheinen, gestatten sich im abschließenden Allegro Passagen kontrollierter Rage - kurz, sie spielen mit jener sich ganz dem Werk unterordnenden Musizierhaltung, die sich nur erlauben kann, wer über technische Schwierigkeiten nicht zu sprechen braucht.

Auch über Philosophie läßt sich so oder so schreiben: Auf Regers strenge Prolegomena einer Ästehetik der monochromen Linien jedenfalls folgt nun Ravels ebenso brillanter wie geistreicher Essai sur la couleur en musique: Da zaubern die vier vom Philharmonia-Quartett plötzlich ein schillerndes Klangfarbenspektrum aus dem Resonanzboden ihrer Instrumente, da strebt die hauchzarte "Plein air"-Malerei des ersten Satzes gen Himmel, ganz so wie die Impressionisten einst aus den dunklen Ateliers des Conservatoire in die Natur flüchteten, da entfaltet sich zauberische Atmosphäre aus vorbeihuschenden Motiven, exquisiten Hell-Dunkel-Kontrasten und einer lässig-geistvollen Konversationshaltung, da klingen Pianissimi zart wie Glas im langsamen Satz, bevor ein Geistesblitzchen vorbeifegt, das hier fast klingt wie eine Parodie des Wagnerschen "Walkürenritts" à la française.So sehr die Reger-Interpretation durch ihre Dichte auch beeindruckte, der Applaussieger des Abend bleibt unumstritten: Maurice Ravel. F.H.

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