Kultur : Uns bleibt ein Erdenrest zu tragen

Musikfest: Simon Rattle dirigiert Mahlers Achte

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Wenn sich Außergewöhnliches in der Stadt ereignet, merkt man das immer zuerst an einer Veränderung der Parkplatzsituation. Auf dem Autoparcours, der beim Weg in die Philharmonie überwunden sein will, steht ein weißes Zelt, aus dem jubilierende Stimmen und ekstatische Klavierklänge dringen. Der Scharoun-Bau kann es nicht fassen: Bei einer Aufführung von Mahlers Achter fehlen Räume, damit sich der Rundfunkchor Berlin, der MDR-Chor und die Knaben des Staats- und Domchores gleichzeitig einsingen können. Die „Symphonie der Tausend“ ist ein Werk, das alle Dimensionen sprengt. Bei der Münchner Uraufführung sollen 1030 Mitwirkende unter Leitung des Komponisten dem finalen Goethe-Wort „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“ zugestrebt sein. Der größte Erfolg, der Mahler zu Lebzeiten vergönnt war.

Simon Rattle und seiner Berliner Philharmoniker machen sich daran, ihren Mahler-Zyklus zu vollenden und erklimmen die Achte beim Musikfest im Eiltempo. Das fällt umso mehr auf, als zwei A-Cappella-Werke dem pausenlosen Abend vorangestellt sind: Vor allem Thomas Tallis’ 40-stimmige Motette „Spem in alium“ weitet Raum und Zeit, die Seele meint sich ihrer Unsterblichkeit zu erinnern. Doch dann lässt Rattle den ersten Teil der Achten, den Pfingsthymnus „Veni, creator spiritus“ detonieren. Eine „geistliche Salbung“, die sich schnell in ohrenbetäubenden Lärm verwandelt. Intensität und Dynamik finden zu keiner Balance; um die monumentale Zusammenkunft nicht aus der Hand zu geben, hält Rattle die Tempi unnatürlich starr.

Und die Steigerung geht immer noch weiter: Mit den Schlussversen von „Faust II“ soll sich eine reinigende Himmelfahrt durch Liebe vollziehen – leider sind die Solisten dagegen. Kaum dessen bewusst, was sie singen, lassen sie sich von Rattle zu karikierendem Operngestus hinreißen. Einzig Nathalie Stutzmann hält dagegen, versucht Innigkeit zu bewahren. „Wir erfahren die Wahrheit des Lebens und wissen nicht wie“, fasste Goethe sein Gleichnis zusammen. Mahlers Achte bleibt auch beim Musikfest musikalische Utopie, von seinem Glaubensbekenntnis bleibt ein Klingeln in den Ohren zurück. Im Programmheft liegt dazu die passende Ankündigung: Am 25. September geben die 12 Cellisten ein Benefizkonzert zugunsten der Deutschen Tinnitus- Stifung Charité. Ulrich Amling

Die Aufführung am 18.9. wird live in die Kinos Sony Center, Cubix und Kulturbrauerei übertragen, Beginn 19.30 Uhr.

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