"Unschuld der Muslime" : Ein Trash-Film als Zündfunke

14.09.2012 20:51 Uhrvon und

Aufruhr, Tote und hasserfüllte Parolen in der arabischen Welt. Ein Film provoziert Gewalt? Nein, so ist es nicht. Religion und Meinungsfreiheit – ein alter Konflikt.

Die wütenden Massen in Kairo und anderswo haben diesmal auf die reichlich vorhandenen US-Flaggen zurückgreifen können. Beim Karikaturenstreit mussten die Wutzündler von der Sahara bis zum Hindukusch noch den dänischen Dannebrog besorgen, um ihn verbrennen zu können. Wer denkt bei religiösem Protest schon an das Musterland Dänemark?

Aufruhr, Tote, hasserfüllte Parolen und Gesichter auch damals, 2005, im Streit um die Mohammed-Karikaturen. Die Fanale und Anschläge gleichen sich. Diesmal ist es der amerikanische Trash-Film „Unschuld der Muslime“, der zum Vorwand für gezielte Terrorakte genommen wird.

Der aber auch als Zündfunke für den Mob genügt, dafür, dass wahllos amerikanische Vertretungen und am Freitag auch eine deutsche Botschaft in Brand gesteckt wurden und ein erschreckender Hass auf den Westen wieder aufflackert. Der Konflikt um islamkritische, islamsatirische westliche Werke, um die Meinungsfreiheit auch für beißenden Humor oder dilettantischen Schund hat sich auch nach dem arabischen Frühling nicht abgemildert.

Sehen Sie hier eine Fotostrecke zu den Ausschreitungen in der arabischen Welt:

Die Zeichnung des Dänen Kurt Westergaard, der den Propheten mit einem Bomben-Turban abbildete, zielte auch auf die falsche Gleichstellung von Islam und Terror. Der Westen bekam einen Spiegel vorgehalten. Muslime fühlten sich dennoch provoziert: Die Karikatur illustrierte, wie intellektuell einfältig der Islam in der nichtarabischen Welt oft dargestellt wird, sie zeigte aber nun mal den Propheten als Bombenleger. Der 14-minütige Film „Unschuld der Muslime“ ist dagegen ein plumpes Machwerk, das weder als Grundlage für eine Diskussion taugt noch ernsthaft zum Protest Anlass geben müsste. Dass es sich angeblich um einen Trailer zu einem abendfüllenden Spielfilm handeln soll, gilt mittlerweile als ebenso unwahrscheinlich wie die Autorschaft eines gewissen Sam Bacile, der vermutlich gar nicht existiert, wie US-Medien herausgefunden haben (Tsp. vom 14.9.).

Die meisten Menschen, die jetzt wegen des Films auf die Straße gehen, haben ihn nicht gesehen. Vermutlich würde schon die Verbreitung eines Gerüchts über die Existenz eines solchen Films genügen, um Hass zu provozieren, einschließlich der im Netz gestreuten Legenden, die US-Regierung oder „100 reiche Juden“ hätten den Film finanziert. Anschläge und Anklagen wegen Blasphemie gehen überhaupt oft mit der Nichtkenntnis des inkriminierten Werks einher, bei Muslimen und Christen gleichermaßen. Diejenigen, die 1991 die Fatwa über Salman Rushdie verhängten und seine Übersetzer attackierten, hatten „Die satanischen Verse“ in der Regel nicht gelesen und machten keinen Hehl daraus. Zuvor hatte schon Martin Scorseses Film „Die letzte Versuchung Christi“ 1998 zu gewalttätigen Protesten und einem Anschlag auf ein französisches Kino geführt, in dem ein sich nach normalem Leben sehnender Jesus gezeigt wurde.

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