Kultur : Unselds Erben

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Gregor Dotzauer über den Machtkampf im Suhrkamp Verlag

Auf der Website des Verlags ist die Welt noch in Ordnung – nur die Zeit ist aus den Fugen. „Persönlich haftender Gesellschafter: Verleger Dr. Siegfried Unseld, Frankfurt am Main“, steht im Impressum von www.suhrkamp.de , und darunter: „Geschäftsführer: Günter Berg (Verlagsleiter), Philipp Roeder“. Ein Jahr nach dem Tod des Patriarchen ist es allerdings nur noch eine virtuelle, bestenfalls stark atmosphärische Macht, die von ihm auf das Verlagsgeschehen ausgeht. Die komplexe Stiftungskonstruktion, mit der Unseld die Kontinuität seiner Arbeit sichern wollte, verschiebt sich auf Betreiben seiner Witwe Ulla Berkéwicz seit längerem in Richtung eines dynastischen Modells – dem er mit der Gründung der „Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung“ unter dem Vorsitz seiner Frau gerade entgegenwirken wollte.

Die Erweiterung der Geschäftsführung auf ein Quartett, dem nun auch Ulla Berkéwicz und Programmleiter Rainer Weiss angehören, bedarf dem Vernehmen nach nur noch eines Placets des Stiftungsrats – auch wenn das fünfköpfige Gremium aus Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger, Adolf Muschg, Alexander Kluge und Wolf Singer, wie der Name sagt, lediglich beratende Funktion hat. Die Mehrheitsverhältnisse der entscheidenden SuhrkampHolding, an der Ulla Berkéwicz als Stiftungsvorsitzende 51 Prozent hält, während Unselds Sohn Joachim und der Schweizer Anwalt Andreas Reinhart über ihre Privatvermögen mit 20 beziehungsweise 29 Prozent beteiligt sind, liegen erkennbar so, dass Unselds Witwe ihre Rolle zwischen stiller Verwalterin und aktiver Geschäftsführerin jederzeit neu definieren kann. Schon ihr Auftritt in der Frankfurter Paulskirche im Rahmen der Gedenkveranstaltung für Siegfried Unseld während der Buchmesse zeigte, dass sie jetzt die Entscheidung sucht.

Nachdem gestern im Tagesspiegel und in der „Süddeutschen Zeitung“ zwei Brandartikel die Situation beleuchteten und von Ulla Berkéwiczs Misstrauen in die Führungsfähigkeiten des Verlagsleiters Günter Berg berichteten, liegen im Verlag die Nerven blank. Eine öffentliche Erklärung, so die Pressesprecherin des Verlages, werde es „frühestens Mitte bis Ende nächster Woche“ geben. Ein Grund dafür liegt auf der Hand: Es ist noch längst nicht ausgemacht, was mit Günter Berg geschieht: ob er gedemütigt ins zweite Glied zurücktritt und die Rivalität zwischen ihm und Ulla Berkéwicz institutionalisiert wird; ob er erhobenen Hauptes mit einigen Lektoren und Autoren im Schlepptau das Haus verlässt und seiner Kontrahentin freies Spiel lässt; oder ob sie ihm gar ein Angebot macht, mit dem er leben kann.

Während die Verlagsspitze Zeit gewinnen will, drängt der Stiftungsrat auf eine Sitzung. Ganz gegen die Usancen soll Jürgen Habermas seine vier Kollegen persönlich zu einem Treffen in Frankfurt eingeladen haben. Es soll spätestens Anfang November stattfinden. Auch wenn das Votum des Stiftungsrats formaljuristisch nur Rhetorik sein mag, hat sein Wort doch Gewicht. Und um öffentliche Äußerungen werden seine Mitglieder nicht herumkommen. Sakralisierung des Unseld’schen Erbes – oder dessen Säkularisierung: Das ist die Alternative – über alle Personalien hinaus.

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