Kultur : Unser Kiez wird schöner

ULF MEYER

Zehn Jahre nach der IBA wird eine erste Bilanz gezogenVON ULF MEYERDas waren noch Zeiten: Als die Internationale Bauausstellung vor gut zehn Jahren in Berlin zu Ende ging, gab es kaum jemanden, der sie nicht für eine sinnvolle Veranstaltung hielt, die Berlin sehr genützt hat.Heute sind sich die Experten nicht mehr so einig, ob die IBA "der Höhepunkt des postmodernen Städtebaus" oder "ein kleinstädtischer, romantisierender, lächerlich-kitschiger Architektur-Zoo" war, der seine Existenz nur der Berliner Subventionitis verdankt.Kritiker wie der Architekturhistoriker Werner Oechslin aus Zürich glauben, daß es noch zu früh für ein abschließendes Urteil sei.Die "Gesellschaft für behutsame Stadterneuerung (STERN)" hat drei Veranstaltungen im Wochenrhythmus im Haus am Köllnischen Park organisiert, um eine Wertung der IBA zehn Jahre danach zu wagen. "Ein nostalgisches Veteranentreffen" sollte das Resümee nicht werden, und daß die alten Wunden noch immer klaffen, war sofort überdeutlich.Einig waren sich die Kritiker darin, daß damals eine große internationale Öffentlichkeit die "kritische Rekonstruktion" der IBA mit Interesse verfolgte und in Barcelona, bei der IBA Emscher Park, aber auch bei der Wasserstadt und Karow nicht ohne Wirkung nach außen geblieben ist.Über den Einfluß der IBA auf den heutigen Städtebau in Berlin gingen die Meinungen jedoch auseinander.Während Kritiker wie Staatssekretär Gerd Wartenberg die IBA für ein "Phänomen der Baisse in der artifiziellen Mauerstadt" halten, das im Berlin der 90er Jahre keine Vorbildfunktion mehr hat, loben andere das, was Josef Paul Kleihues als ehemaliger Leiter der Neubau-IBA gerne "Elitenkooperation" nennt: die Schaffung eines Experten-Netzwerks, das man auch als Filz bezeichnen könnte.Es funktioniert jedoch schon lange nicht mehr.Die städtebaulichen Leitbilder der IBA, Kleinteiligkeit, Parzelle und Traufhöhe, sind weitgehend gescheitert.Nur die Blockrandbebauung ließ sich über den Nachwende-Bauboom retten. Sowohl Kleihues als auch Hardt-Waltherr Hämer als Leiter der Altbau-IBA zogen es vor, in ihren Reden "nicht in Details zu gehen".Die Architektur der Neubau-IBA wurde auf dieser Bilanz nicht diskutiert.Auch die Kreuzberger Mischung ("schon damals ein Mythos", so Wartenberg) und die Wiedergewinnung der Innenstadt als Wohnort gelten seit der Wende nicht mehr viel.Eine Peripherie gab es 1987 in Berlin nicht und auch keinen Investorendruck auf die Innenstadt.Die IBA war eine staatliche Gesellschaft, die mit staatlichem Geld staatliche Grundstücke bebaut hat, was für heutige Verhältnisse wenig komplex ist, so Wartenberg.Durch den massenhaften Wohnungsleerstand und Hausbesetzungen war der Bau von Sozialwohnungen eine Vorgabe der IBA.Heute gibt es nicht nur fast keinen Sozialwohnungsbau mehr, sondern die ehemals mächtigen Wohnungsbaugesellschaften werden sogar privatisiert.Daß der IBA so "unglaublich viel Geld auch für Propaganda" (Wartenberg) zur Verfügung stand und sie gelegentlich zu "Über-Planungen" neigte, wollte Hämer nicht gelten lassen.Er reklamierte für sich, "mit wenig Geld viel Drecksarbeit geleistet zu haben".Franziska Eichstädt-Bohlig gab zu bedenken, daß die "Subvention wenigstens angekommen ist", und selbst Wartenberg gestand schließlich ein, daß man "für eine gute Sache ruhig zuviel Geld ausgeben kann".Während die IBA sich noch als "Antithese zum Abriß" verstand, so Hämer, darf "heute wieder gesprengt werden".Soziale Probleme lassen sich aber ebenso wenig wegsprengen, wie sie durch eine Bauausstellung zu beheben sind. Larmoyant wurde es erst auf der dritten Veranstaltung, die sich mit sozialer Stadtentwicklung beschäftigte.Abwechselnd wurde bedauert, daß die Bündelung sozialer Kräfte passé ist, die Arbeitslosigkeit steigt und die Aufteilung der beiden Stadtressorts auf die beiden Parteien der Großen Koalition in Berlin unsäglich lähmend wirkt.Der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann illustrierte anhand einer Studie die "soziale und räumliche Spaltung" Berlins.Stadt, Architektur und Gesellschaft werden heute wieder auseinanderdividiert, wo die IBA noch "gesellschaftlichen und baulichen Wandel zusammendenken" wollte.Den eingeladenen Politikern, die darlegten, unter welchen Schwierigkeiten die IBA über mehrere Legislaturperioden gerettet werden mußte, warf Hämer echauffiert vor, "die IBA bis heute nicht begriffen zu haben".Weil die Berliner Bauverwaltung mit der IBA überfordert gewesen wäre, wurde damals eine GmbH gegründet.Der ehemalige Bausenator Harry Ristock, dem die Veranstaltungsreihe gewidmet war, verstand es, alle Parteien an der IBA zu beteiligen.Angesichts wechselnder Mehrheiten, war es die "größte Leistung, daß die IBA überhaupt stattgefunden hat".Hans-Christian Müller, Berliner Senatsbaudirektor von 1967 bis 1982, geschah ein vielsagender Freudscher Versprecher: Er sprach davon, wie die IBA aus der Traufe gehoben wurde.Hämer übte sich in seinem Resümee in einer plumpen Kapitalismusschelte.Daß es keinen "Aufstand der 10 000" gibt, ärgert ihn.Er hat "Sehnsucht nach der massenhaften Wut". Eine zweite IBA wird es auf absehbare Zeit nicht geben.Wichtiger ist auch, daß einige der Prinzipien in den Alltag übergegangen sind.Eine IBA hat es ohnehin nie gegeben, sondern zwei.Die eine war ein Stadtentwicklungskonzept und die andere eine Bauausstellung.Obwohl nie ganz fertig gestellt, ist die IBA längst in die Geschichte eingegangen.Nach zehn Jahren sind die Differenzen nicht kleiner geworden.

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