Kultur : Unser kleines Leben

Schreiben in mittlerer Lage: der 13. Open-Mike-Wettbewerb in Berlin

Steffen Richter

Creative-Writing-Kurse, erklärte Josef Haslinger kürzlich, führen dazu, „dass weniger schlechte Texte geschrieben werden“. Da hat Haslinger, Schriftsteller und Direktor des Leipziger Literaturinstituts, der größten deutschen Dichterschmiede, ganz Recht. Und da Schreib- Lehranstalten verschiedenster Art mittlerweile übers ganze Land verstreut sind, bekommt man „unterirdisch schlechte“ Texte kaum noch zu hören. Schon gar nicht beim Open Mike, der am Wochenende in der Berliner Wabe zum 13. Mal über die Bühne ging. Nur lässt sich schwer übersehen, dass zwischen „nicht schlecht“ und „atemberaubend gut“ eine große Grauzone liegt.

Auf diesem Feld regiert die „mittlere Lage“. So formuliert es Urs Engeler, einer der sechs Verlagslektoren, die aus 653 Bewerbungen 18 vortragswürdige Texte herausgefiltert haben. Sicher, der handwerkliche Standard hat sich konsolidiert – den Schreibwerkstätten sei Dank. Auch wird Literatur kaum mehr hingenuschelt oder hingerotzt, sondern hörerfreundlich vorgetragen, wenn nicht wirkungsvoll inszeniert – woran die Lesebühnenblüte ihren Anteil haben dürfte. Das alles ließ sich bereits in den vergangenen Jahren konstatieren, wenn die U-35-Autoren unter der Ägide der Literaturwerkstatt Berlin zu ihrem Gipfeltreffen zusammenkamen. Allein, es fehlt – ganz wie in den letzten Jahren – auch diesmal meist an der Notwendigkeit, die aus dem nur gut Gemachten Literatur entstehen lässt.

Was man an zwei Tagen zu hören bekam, waren größtenteils Geschichten, hübsch am eigenen oder einem vergleichbaren Leben entlang erzählt, den Fokus auf die kleine Alltagswelt eingestellt, gespickt mit stilistischen Manierismen. Dass prominente Vorbilder kaum durch die Zeilen schlagen, mag man als Verweigerung von Epigonentum deuten. Doch ob allein die intime Kenntnis der Werke Judith Herrmanns die Lektüre von Kafka oder Karl May, von Joyce oder Jules Verne ersetzen kann, ist fraglich. So sehr Voraussetzungslosigkeit zum Schreiben gehört, so einfältig wäre es, sich an einem Nullpunkt zu wähnen.

Und doch gibt es kaum einen Text, der von den Lektoren nicht als „mutig“, „gewagt“ oder „originell“ gepriesen wird. Man kann das ernüchternd finden, gemessen an dem, was Literatur sein könnte: das Durchspielen von Möglichkeiten, die im Wirklichen verborgen liegen. Zugleich allerdings wäre es vermessen, so Lektor Christian Döring, von Autoren, die „sich ausprobieren“, ausgereifte Texte zu erwarten. Vom Tannenbaum verlangt auch niemand Birnen. Und der innerbetrieblich produzierte Wahn, jeder Jahrgang müsse einen Superstar hervorbringen, ist ohnehin eine Schimäre.

Während man sich noch beim Gedanken an ein befristetes Schreibverbot für Familien-, Beziehungs- und Kindheitserinnerungstexte ertappt, wird man auf dem Fuß eines Besseren belehrt. Denn was die Jury, bestehend aus Lutz Seiler, Katja Lange-Müller und Peter Stamm, prämierte, sind auch Familien-, Beziehungs- und Kindheitsgeschichten. Durchaus atemberaubend kann man Dagrun Hintzes „Ich schreibt Anima“ nennen. Wie hier eine im Grunde banale Dreiecksgeschichte zwischen Ich, Du und Er mit Witz, Distanz und überraschenden Perspektivenarrangements inszeniert wird, ist fast perfekt, ohne glatt zu wirken. Auch die ausgestellte Netzhautreizung Jörg Albrechts, der sich mit „Blutanfall // Bildpunkte“ weit vom eigenen Ich entfernt, Medien und Gewalt seziert und sich dabei sogar in politische Gefilde begibt, ist sicherlich preiswürdig.

Nur die Trägerin des Hauptpreises, Lucy Fricke, hatten wenige auf der Rechnung. „Winken bis nach Buenos Aires“ erzählt, schillernd zwischen Verlusterfahrung und Sentimentalität, vom Wiedersehen zwischen einer Tochter und ihrem argentinischen Vater nach 18 Jahren. Gerade hier wollten die Juroren jene im Wettbewerb oft schmerzlich vermisste Notwendigkeit erkannt haben. Nun ja. Doch warum nicht Sebastian Wallmanns von Thomas Bernhard inspirierte Ein-Satz-Etüde in einer Dresdener Straßenbahn? Oder Ariane Fabers unmerklich ins Surreale kippende Geschichte einer Jobsuche im Theater? Oder die Gedichte der anagrammatischen Dame Soma Amos?

Und der Vorwurf, die diversen Schreibwerkstätten, allen voran die Leipziger, würden einer literarischen Uniformierung Vorschub leisten? Immerhin sieben der achtzehn Kandidaten kommen vom Leipziger Literaturinstitut. Man könnte darin den Nachweis sehen, dass in Leipzig tatsächlich die größten Talente versammelt sind. Man könnte auch vermuten, dass dort jenes Schreiben gelehrt wird, das man in Lektoraten lesen möchte. Oder man könnte alles für einen Zufall halten. Schließlich kommen auch zwei Kandidaten von der Ruhr-Universität Bochum, der man ein sonderlich poetisches Ambiente nicht nachsagen kann.

Die Lektoren jedenfalls beteuern, nein, von stilistischem Gleichklang könne keine Rede sein. Von Bevorzugung schon gar nicht. Tatsächlich ist das Berliner Procedere transparent und fair. Alle Einsendungen werden in anonymisierter Form an die auswählenden Lektoren verschickt. Es zählt nur der Text, „sola scriptura“. Und die Juryentscheidungen sind Entscheidungen von Autoren, also Praktikern. Dass sie kontrovers diskutiert werden können, ist gewiss kein Unglück. Schon deswegen sollte man dem Open Mike, der im nächsten Jahr mit der Stiftung Preußische Seehandlung eine langjährige Förderinstanz verliert, Glück für die Zukunft wünschen. Der Publikumsandrang spricht dafür, dass die so routiniert wie mustergültig organisierte Veranstaltung für Verleger, Agenten, Kritiker und natürlich Autoren ungebrochene Attraktivität besitzt.

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