Kultur : Unser Paar in Havanna

Implosionen einer Sprache der Liebe: Sally Potters Kammerspiel „Yes“ ist – in Versen – ein waghalsiges Kino-Experiment

Christina Tilmann

Es ist die älteste Sprache der Liebe. Faust lehrt sie Helena, und mit der Fähigkeit zu reimen erwacht ihr Gefühl. Auch Sally Potters Film „Yes“, vergangenes Jahr im Panorama der Berlinale gezeigt, ist ein Hohelied der Liebe, und seine Sprache sind: Verse. Jambische Blankverse. Leicht fließen sie dahin, fast unbemerkt, und geben dem ungewöhnlichen Film-Experiment doch eine geradezu archaische Wucht. Theater, mehr als Film, ist dieses von der Regisseurin, Musikerin und Performance-Künstlerin Sally Potter („Orlando“, „Tango Lesson“) selbstverfasste Drehbuch. Vielleicht wäre es auf der Bühne besser angesiedelt gewesen.

Archaisch ist auch die Konstellation: „SIE“ liebt „IHN“ und am Ende geht es um „YES“ oder „NO“. Doch weil der 2004 gedrehte Film sich als eine Reaktion auf 9/11 versteht, ist SIE eine irisch-amerikanische Molekularbiologin und ER ein libanesischer Chirurg, der sich im Londoner Exil als Koch durchschlägt. Schnell landet man, eben noch in heißen Liebesnächten vereint, bei interkulturellen Konflikten: Ich habe deine Sprache der Liebe gelernt, was weißt du schon von meiner, wirft er ihr vor, und pocht auf seinen Stolz als Mann. Die Sprache der Liebe – ein Herrschaftsinstrument. Es wird eine längere Flucht über Irland und Beirut bis nach Havanna brauchen, bis alles wieder im Gleichklang schwingt und die unmögliche Liebe doch möglich wird.

Sehr konstruiert also wirkt das ganze Vorhaben, wie eine lyrische Kopfgeburt – und es macht die Sache auch nicht besser, dass im Film fortwährend ein antiker Chor auftaucht, und sei es in Form einer einzigen, allerdings vorwitzigen Putzfrau (Shirley Henderson), die das Geschehen kommentiert und zum Beispiel über die Schönheit von Staub und Dreck philosophiert. Unfreiwillig komisch ist das oft – und auch das ganze Setting, die makellos weiße Wohnung, kommt mehr als Labor denn als Lebenswelt daher. Von islamischer Herkunft oder vom Glauben, von der Lebenssituation in Libanon auch weiß der Film nicht viel mehr als seine Protagonistin. Vielleicht besteht genau in diesem Halbwissen, diesem wohl meinenden Missverständnis der eigentliche Kulturkonflikt.

Wenn man der kruden Story dennoch über weite Strecken bereitwillig folgt, so ist das ein Verdienst der beiden Hauptdarsteller. SIE ist Joan Allen, eine rotblonde, kühle Schönheit, die Haut wie Porzellan, und darunter fließt es heiß wie Lava. Keine Frage, SIE ist ein Alter Ego der Regisseurin, die sich in ihre Filme ohnehin gern selbst einschreibt, mit aller leidenschaftlichen Liebessuche. ER ist Simon Abkarian, Star aus Ariane Mnouchkines „Théâtre du Soleil“, weich, kraftvoll, dunkel, schön.

Zwischen beiden implodiert die Sprache der Liebe, schon von der ersten Begegnung an: Da steht sie, nach einem Ehestreit verlassen in einer Festhalle, eine schmale, einsame, in Blau gewandte Erscheinung, und er, der Kellner, umkreist sie mit Blicken, mit Schritten, mit Worten. Das Spiel der Andeutungen, der Annäherung hat einen schwebend-schönen Ton. Den politischen Überbau vergisst man da schnell.

Babylon Mitte (OmU), Filmkunst 66

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