Kultur : Unser Publikum

THOMAS LANGHOFF

Ein Beitrag Nadja Klingers zur Lage am Deutschen Theater beschäftigte sich auch mit möglichen Aversionen der Ost-Berliner Bühne gegenüber Besuchern aus dem Westen der Stadt.Intendant Thomas Langhoff bezieht jetzt Stellung

Der Intendant geht meistens erst heim, wenn die Abendvorstellungen begonnen haben.Er will noch drei Zahlen hören: die Besuchermenge im Deutschen Theater, in den Kammerspielen und der Baracke.Sind sie gut, geht er frohgelaunt, sind sie schlecht, will er am liebsten nicht nach Hause, er würde gern sofort Fehleranalyse betreiben.Wege zur Verbesserung des Besuches finden und mit seiner Mannschaft beraten: Was tun? Auf alle Fälle was tun, dafür stehen alle Mitarbeiter unseres Theaters.

Wir haben gute Leute in unserer Öffentlichkeitsarbeit.Durch ihre fleißigen Befragungen wissen wir sehr genau, wer unser Theater besucht, wie alt unsere Besucherinnen und Besucher sind, woher sie kommen und wie sie gestellt sind.Natürlich freut sich der Intendant über jede Zuschauerin und jeden Zuschauer, wer immer es sein mag.Sie sind ja immer Teil einer Elite, sie gehören zu einer drei- bis fünfprozentigen Minderheit der Stadtbevölkerung, sie haben sich vom Fernsehsessel erhoben, sie haben einen Arbeitstag hinter sich, sie kommen oftmals einen beschwerlichen Weg, sie zahlen relativ hohe Eintrittspreise.Wir heißen sie willkommen und hoffen, unser Spiel gibt ihnen Unterhaltung, Ideen, Gedanken, Anregungen, Aufregungen, auch hoffen wir, deutlich machen zu können, warum wir dieses Spiel veranstalten.Manchmal ist der Intendant traurig, weil nicht so viele Zuschauer da sind, obwohl er und das Ensemble überzeugt sind, daß ihre Arbeit richtig war und das Stück spielenswert ist, auch wenn es keine Massen anzieht.Aber auch wenn der Besuch geringer war, kann es ein guter Abend gewesen sein.

Am nächsten Morgen fragt der Intendant als erstes nach den gestrigen Vorstellungen, wie es lief, wie sie von oben und unten beurteilt wurden.Er liest die Vorstellungsberichte und fragt Beteiligte.Am wenigsten interessiert es ihn, woher die Besucher kamen.

Der Intendant, oder sagen wir, ich - ich habe diese Aufgabe nach der Wende ja auch übernommen, weil ich dachte, der gemeinsame Theaterbesuch, das abendliche gemeinsame Theatererlebnis, sei eine große Gelegenheit zum Kennenlernen des anderen, ein erster Schritt zum Zusammenwachsen einer Stadt, zur langsamen Überwindung des Unnatürlichen.Wir waren froh über jede West-Berlinerin, jeden West-Berliner, die neugierig unser Theater eroberten.Wir waren traurig über die Zuschauer, die nun weg blieben, das ist ganz eigennützig gedacht.Es geht um die Frage, wo Potential von Theatergängern verborgen ist.

Ich war nie ein Anhänger von Spezialpublikum, also Leuten, die sich auf eine Richtung, einen Stil, auf bestimmte Spieler festgelegt haben.Mein Traum war immer ein nach Alter, Herkunft und Beruf gemischtes Publikum.So sollte es für ein Theater wie das unsere auch sein.Die Frage nach Ost und West wird immer unwichtiger, entscheidend ist, ob das Theater für die Zukunft interessiert.Nach besten Kräften haben wir versucht, die Stücke zu suchen und zu interpretieren, die sich mit unserer gemeinsamen Vergangenheit und der daraus hervorgegangenen gemeinsamen Gegenwart beschäftigen; mit Werken wie "Turm", "Kriemhilds Rache", "Ithaka" und vielen anderen Aufführungen haben wir diesen Versuch unternommen.Unser Theater, das sich dem Werk eines Dichters verpflichtet sieht, das Tradition als etwas Lebendiges betrachtet, dieses Theater lebt vom Kontakt mit seinem Publikum.Die Matineen des Theaters, die Veranstaltungen des Fördervereins, die Ausstellungen und vieles mehr sind ja Programm.Wir wollen über den Theaterabend hinaus Kontakte knüpfen, Anregungen geben, das Theater als gesellschaftlichen Raum zur Verfügung stellen.

Das Deutsche Theater sollte ein Berliner Theater in Deutschland, in Europa sein.Nicht die Politik, nicht die Journalisten bestimmen die Position, Erfolg oder Mißerfolg, nur das Publikum tut es.Das Publikum nach Ost und West einzuteilen, wäre zu klein und auch ein wenig provinziell.Und das wollen wir doch ausdrücklich nicht sein!

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