Kultur : Unser Revolutiönchen

Versagt die Erinnerung? Gespräch im Berliner Europäischen Forum

Kerstin Decker

Der André-Glucksmann-Tisch bleibt leer. Der frühere Entlarver der Meisterdenker und neue Zweifler am Habermas-Derrida’schen Kerneuropa (Frankreich, Deutschland, alles Heuchler!, im Zweifel für Bush sein!) fuhr vier Stunden Taxi zum Flughafen. Umsonst. Wer zu spät kommt, den bestraft das Flugwesen. Marianne Birthler ist der Last-minute-Glucksmann-Ersatz. Birthler fand den Irak-Krieg fast so gut wie Glucksmann und kann das auch philosophisch formulieren: „Ich gehöre zu denen, die sich nicht wünschen, dass dieser Krieg nicht stattgefunden hätte.“ – Irgendwie scheinen Habermas, Derrida und andere nagelneue Alteuropäer ganz andere Dinge aus der Geschichte zu lernen als Birthler und Glucksmann. Hat Europa seine Diktaturen und Despotien denn schon vergessen?, wollte das „Europäische Forum“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wissen.

Ein polnischer Staatschef fiel bereits Anfang der Neunziger mit einem Schlussstrich-unter-die-Vergangenheit-Vorschlag auf. – Ach wissen Sie, sagt der polnische Soziologe Aleksander Smolar, der schon seit über dreißig Jahren in Frankreich lebt, das war doch nur eine ganz pragmatische Bemerkung. Eine Art polnische Ruck-Rede also. Und im Übrigen sei Polen, Kommunismus hin, Kommunismus her, doch schon immer ein besonders offenes plurales Selbstverständigungs-Land gewesen.

Marianne Birthler schaut, als ob der Pragmatismus eine besonders fiese Spielart des Kommunismus wäre, und macht Notizen. Neben ihr sitzt gleich noch ein Deeskalierer und Entdramatisierer. Der Ungar Péter Nádas nickt dem Polen zu. Nádas ist Schriftsteller und hat im letzten Jahr den Herzinfarkt zur literarischen Großtatsache gemacht („Der eigene Tod“). Und vor über zehn Jahren missfiel ihm die journalistische Treibjagd auf den Dichterverräter Sascha Anderson. Lügen schadet einer demokratischen Kultur enorm, weist Marianne Birthler mit strengem Katechetinnenblick den Dichter zurecht.

Der bekennt, nicht in einer Demokratie leben zu wollen, „in der ich in die Öffentlichkeit gezerrt werde, nur weil ich meine Freunde verraten habe“. Ja, wenn Anderson für den Bundestag kandidiert hätte! Nein, Nádas und Birthler verstehen sich wirklich nicht, obwohl die Stasi-Unterlagen-Beauftragte jetzt einen hochpoetischen Satz über die Vergangenheit sagt: „Wir sind aus Vergangenheit gemacht.“ Nádas und Smolar schauen beeindruckt, also dichtet Birthler gleich weiter. Die europäische Geschichte sei so reich an Aufständen gegen die kommunistische Zwangsherrschaft. „Wie auf einer Perlenschnur“ würden sich die Aufstände aneinander reihen, „edle Perlen“ allesamt. Nehmen wir nur Ungarn 1956...

Kann sein, dass Péter Nádas plötzlich der poetischen Kraft seiner Tischnachbarin misstraut, unbarmherzig zerreißt der ungarische Ex-Dissident Birthlers „edle Perlenkette“. Ungarn 1956 sei mitnichten ein antikommunistischer Aufstand gewesen. Birthler blickt trotzig. Wenn jetzt Glucksmann da wäre! So behalten die „alteuropäischen“ Temperamente das klare Übergewicht, die Denker des intellektuellen Ausgleichs, der verschiedenen Ebenen. Die Erinnerung versagt nicht, solange sie so viele Räume hat wie bei den „Kerneuropäern“ Smolar und Nádas. Aber seit wann kommen Kerneuropäer aus „Rand-Europa“? Noch hat der leicht arrogante Habermas-Derrida’sche Denk-Kontinent sie nicht verzeichnet.

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