Kultur : Unser schlimmstes Gift

Biermann in der DDR: Erinnerung an einen wilden Burschen und eine Legitimationsinstanz

Salli Sallmann

Auf den Namen Wolf Biermann stieß ich zum ersten Mal, als ich Ende der Sechziger in der DDR Beatmusik hören wollte. Dabei hatte die Musik von Biermann nichts mit Beat zu tun. Rock hieß damals Beatmusik und war nach den Verdikten des 11. Plenums der SED 1965 in der DDR nur noch durch die handzahmen Ensembles von Thomas Natschinsky und der Theo Schumann Combo vertreten. Mehr zur Sache ging es im Westen, etwa im Beat-Club von Radio Bremen. Der BeatClub sendete in regelmäßigen Abständen verwackelte Filmaufnahmen aus einer Wohnung in der Ostberliner Chausseestraße – der von Wolf Biermann. Der sang nach dem Auftrittsverbot des 11. Plenums sozusagen zwangsweise im Westfernsehen.

Was ich damals an schonungslosen Biermann-Texten über die DDR-Gesellschaft zu hören bekam, knüpfte direkt an den soeben militärisch platt gewalzten Prager Frühling an. Biermanns Lieder leuchteten wie Glut in der Alltags-Asche der DDR und ließen Hoffnung glimmen. Darauf, dass mit dem Begriff Sozialismus doch noch etwas Freiheitliches, jedenfalls Wahrhaftiges gemeint sein könnte. Im realen Sozialismus wollte die DDR einem aber eintrichtern, dass die wahre Arbeiter- und Bauernfreiheit darin besteht, sich mit täglichen Reglementierungen schurigeln zu lassen, die Schnauze zu halten und nach 15 Jahren Wartezeit einen Trabant in Empfang zu nehmen.

Biermann sang, was viele sich nicht getrauten zu sagen, und wurde so zum Symbol, für Freund und Feind. Anfang der Siebziger meinte meine Chefin im Baukombinat Leipzig, eine langjährige Genossin: „Der Biermann, das ist doch unser schlimmstes Gift!“ Die Stasi trug sich schon zu dieser Zeit mit Verhaftungs- und Ausbürgerungsplänen, zögerte aber, weil Biermann durch seine Prominenz geschützt war und für die Stasi eine „Sortierungsfunktion“ hatte: Wer teilt Biermanns Vorstellungen?

Biermanns Wohnung in der Chausseestraße in Mitte wurde zu einem Pilgerort. Viele kritische ostdeutsche Geister hatten sich nach Prag 1968 geschworen, nie mehr eine solche Politik im Namen des Sozialismus über sich ergehen zu lassen. Jeder Besuch „beim Biermann“ wurde so zu einem Bekenntnis. Jeder, der sich auf den Weg zu ihm machte, wusste, dass er in die Bereiche der Kameras und Mikrofone des MfS geriet. Verhaftet wurde man wegen der Bekanntschaft mit dem Meister zwar nicht, aber die unbekannten Sympathisanten waren bei diesen „Besuchs-Bekenntnissen“ gefährdeter als Biermanns populäre Künstlerfreunde.

Biermann konnte Dinge sagen und singen, die andere ins Gefängnis gebracht hätten. Er schien außerhalb der DDR-Gesetzlichkeit zu stehen. Während er für eher linksorientierte Oppositionelle zum Orientierungspunkt wurde, fungierte er für den ängstlicheren und größeren Teil der DDR-Bevölkerung als kritische Legitimationsinstanz. Man konnte bequem zu Hause im Westfernsehen Biermann gucken, das war zwar nicht erwünscht, aber auch nicht verboten, man konnte auf den Staat schimpfen, Biermanns Lieder berechtigt finden und brachte sich dennoch nicht durch Heldenmut in Gefahr.

Natürlich, an Biermann nervte auch manches. Er, der nicht öffentlich singen durfte, brauchte immer Publikum. War bei privaten Zusammenkünften ein Kind anwesend, sang er umgehend ein Kinderlied. Gab es Kaffee und Kuchen, folgte ein Kaffee- und Kuchenlied. Biermann musste sich darstellen und seine neuesten Song-Ideen testen. Manchmal geriet er ins Dozieren. Seine Freunde haben das damals gemeinsam mit ihm durchgehalten. Traf man allerdings als Mann in Begleitung einer Frau auf Biermann, musste man sich damit abfinden, nur noch begrenzt wahrgenommen zu werden. Auch dafür war Biermann berühmt.

Nachdem die DDR-Führung Biermann 1976 ausgebürgert hatte, wurde schnell klar, dass SED und Stasi das Ausmaß der Empörung unterschätzt hatten. Die Breite der Protestes überraschte alle, auch die Protestierenden selbst. Im Herbst 1976 befand ich mich bei der „Fahne“ im Grundwehrdienst der Nationalen Volksarmee. Als ich von der Ausbürgerung erfuhr, nahm ich die Gitarre und sang in der Kaserne vor den Mannschaften Biermann-Lieder. Obwohl viele Soldaten noch nie etwas von Biermann gehört hatten, mutierten diese Auftritte schnell zu Biermann-Happenings.

Eigentlich formulierte Biermann in seinen Liedern eine heute noch diskutierbare Frage. Ist die Idee des Sozialismus durch ihre stalinistische Geschichte auf ewig versaut? Oder kann man sie neu und freiheitlich denken? Das begriffen damals gleichzeitig die ostdeutschen Bürgerrechtler und die neue westdeutsche Linke. Der Rest ist bekannt, die Geschichte gab denen recht, die dachten und handelten wie Biermann, der in seinen Texten den DDR-Herrschenden zurief: Reformiert diesen missratenen Sozialismus endlich! Diese Auseinandersetzung ist aktueller, als man denkt. Wenn Biermann seine Spitzelballaden und die anderen wunderbaren Frechheiten auf einem PDS-Parteitag singen würde, dann wäre der neue Name „Die Linke“ vor dem PDS weitaus glaubwürdiger.

Der Autor, 1953 im Erzgebirge geboren und 1977 aus der DDR ausgebürgert, lebt als rbb-Literaturredakteur in Berlin. Nach der Biermann-Ausbürgerung wurde er zusammen mit Gerulf Pannach und Jürgen Fuchs im Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen inhaftiert. Im Dresdner Verlag Die Scheune erschien zuletzt sein Gedichtband „Über die Tücken des Alkoholismus in Verbindung mit Kohleheizung“.

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