Kultur : Unser Wagnerkomplex

Premiere im Provisorium: Es ist wieder Musik im Palast der Republik

Christina Tilmann

Am Eingang bekommt der Zuschauer einen weißen Zettel: „Christian von Borries möchte auf diesem Weg dem Brandenburgischen Staatsorchester für seine Bereitschaft danken, die extrem komplizierte Terminplanung mitgemacht zu haben. Kein anderes Orchester ist dermaßen flexibel!“ Das Publikum, das durch den entkernten Palast der Republik streift, ist es nicht: Ringsum behindern Gitter, rot-weiße Absperrbänder, Ordner in rotem T-Shirt den Weg. „Bitte verlassen Sie auf keinen Fall die abgesperrten Bereiche. Sie würden dadurch den sofortigen Abbruch der Veranstaltung provozieren“, warnt das Faltblatt. Das Gelände, auf dem man sich bewegt, ist vermint.

Es grenzt an ein Wunder, dass das Projekt „Psychogeographie 2: Wagnerkomplex. Music and german national identity“ überhaupt stattfinden konnte. Groß waren die Widerstände, die politischen, die baupolizeilichen, die finanziellen. Ein Freundeskreis „Zwischenpalastnutzung e.V.“ wirbt schon seit längerem für eine erneute Öffnung des seit 1990 geschlossenen und nun asbestbefreiten Volkspalasts. Erste Führungen im August hatten überwältigenden Zulauf. Nun stellt Dirigent Christian von Borries mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt/Oder den ersten Versuch einer kulturellen Nutzung vor. Zwei Schutzengel hatte das Projekt: „Ohne das nicht enden wollende Verhandlungsgeschick von Sophiensäle-Chefin Amelie Deuflhard und ohne Adrienne Goehlers öffentliches Eintreten für die Sache wäre ,Wagnerkomplex‘ nicht zu realisieren gewesen“, verkündet das Programm. Das Projekt wurd,e immerhin vom Hauptstadtkulturfonds gefördert, je fünf Euro jeder Eintrittskarte gehen an die Oberfinanzdirektion.

Der Laden brummt, von Anfang an. Ein fernes, dröhnendes Transformatorengeräusch erfüllt den Raum, bevor noch die Musiker ihre Instrumente gestimmt haben. Die Zuschauer verteilen sich auf den Etagen, Kultursenator Thomas Flierl stellt sich um ein Bier an. Es ist der Abend der blauen Hemden, der blauen Hemden und der Jeans. Noch einmal sieht man FDJ-Hemden, am Kontrabass und an der Pauke, der Souvenirshop verkauft Original-Palast-Jeansjacken. Dann steigt ein Trommler, aus der Tiefe des Raums, die monumentale Eingangstreppe herunter. Rundum verliert sich der Blick im Dunkel der Etagen. Draußen geht die Sonne unter.

Es ist ein Resonanzraum für viele Töne. War das jetzt Wagners Rheingold-Eröffnung? Das Schmiedelied aus Siegfried? Mahlers Siebte? Die DDR-Nationalhymne? Ein Militärmarsch? Schunkelmusik? Schallplattenknacken? Meeresrauschen? Musique concrète? Interpolationen heißt von Borries’ Zauberwort, 200 Jahre Musikgeschichte werden durch den Mixer gedreht, die Partituren der Musiker sehen aus wie eine liebevolle Textcollage. Die GEMA würde über von Borries’ Mixturen wahrscheinlich graue Haare kriegen. „Sehr geehrter Herr Borries, bitte beschreiben Sie GENAU Ihre Absichten, und ich werde sie dem Spezialisten in Deutschland für Urheberrecht weiterleiten“, zitiert das Programmheft eine ratlose Reaktion. Die Zuhörer sind auch nicht sehr viel klüger.

Vielleicht ist das Programm, mit dem der Erfinder der Konzertreihe „Musikmissbrauch“ das Publikum aus seinen Hörgewohnheiten reißen möchte, etwas zu anspruchsvoll. Vielleicht ist auch der Ort zu mächtig. „Sehen Sie nicht soviel hin. Hören Sie zu!“ fordert das Programm. Leicht gesagt in der Umgebung. Die rostigen Stahlträger, die leeren Rolltreppen, der Betonboden, durch dessen Löcher man in die unteren Etagen sieht. Ein Tanker, eine Maschinenhalle, ein Bunker. Nichts erinnert mehr an das fröhliche Treiben zu DDR-Zeiten, an Erichs Lampenladen. Draußen leuchten die Lichter des abendlichen Stadtverkehrs, weiß und rot. Steht man endlich unter dem Dach, blickt auf den ausgeweideten Volkskammersaal hinunter, dann wirkt von Borries 90-köpfiges Orchester nur noch wie ein sehr ferner Klang. Um einen herum liegt eine untergegangene Welt, eine Unterwasserwelt. Titanic-Gefühle kommen auf. Doch das Orchester auf dem Luxusdampfer hat nicht Wagner gespielt, sondern Ragtime. Und den Choral „Näher, mein Gott, zu dir“.

Noch einmal 29. und 30. September, Palast der Republik, Schlossplatz, jeweils 18 und 20 Uhr. Karten 10 Euro (+ 5 Euro Oberfinanzdirektion). Keine Abendkasse. Nur Stehplätze. Karten unter palast@sophiensaele.com

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