Kultur : Unsere Aufgabe

Moshe Zimmermann meldet sich aus Tel Aviv

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Moshe Zimmermann schreibt abwechselnd mit Abbas Beydoun, Beirut Vom Intellektuellen erwartet man mehr als den Automatismus des Durchschnittsbürgers, meint Abbas Beydoun. Dem wird jeder Intellektuelle zustimmen. Vom Intellektuellen erwartet man, dass er kritische Fragen stellt, nicht mit den Wölfen heult und sich nicht für die „nationale Sache“ einspannen lässt – womit er, wie es der französische Philosoph Julien Benda vor 80 Jahren formulierte, den „Verrat des Intellektuellen“ begeht.

Deshalb vermisst man in Abbas Beydouns Reaktion auf die herzzerreißenden Bilder aus dem Libanon doch manche Fragen. Woher wurden die Tausenden von Raketen abgeschossen, die im Norden Israels einschlugen und Menschenleben kosteten – aus dem Nichts? Wie glaubhaft ist die Feststellung, dass es in Kafr Kana und Umgebung keine Spuren von der Hisbollah gab? Werden Zivilisten nicht doch von der Hisbollah als Schutzschild missbraucht? Ist nicht der ganze Libanon eine Geisel der Hisbollah? Und vor allem: Was haben eigentlich wir Intellektuellen unternommen, um einen Krieg zu verhindern, der zu dieser Art von Grausamkeit geführt hat?

Ein Intellektueller ist, wenn er mit dem Verlust von Menschenleben konfrontiert wird, nicht weniger bestürzt und betroffen als der Durchschnittsbürger – doch man kann von ihm erwarten, dass er nicht kritiklos die Parolen verinnerlicht, die ihm die Medien servieren. Seine Waffe ist die Skepsis, und die sollte er in ständiger Gefechtsbereitschaft halten. Unter israelischen Intellektuellen ist Kritik an der israelischen Politik und der Vorgehensweise des israelischen Militärs sehr verbreitet – nicht erst seit der aktuellen Auseinandersetzung, sondern auch bei ähnlich gelagerten Konflikten in der Vergangenheit. Man geht zwar nicht unbedingt davon aus, dass das Militär wahllos bombardiert. Angezweifelt wird allerdings die Argumentation des Militärs, dass die Taktik der Hisbollah, aus der Mitte der Zivilbevölkerung Raketen abzufeuern, jede Art von Gegenwehr und Vergeltung rechtfertige. Israelische Intellektuelle warnen vor der moralischen Abstumpfung, die viele Bürger derzeit zur Schau stellen, vor der Gefahr, auf das moralische Niveau der Hisbollah zu sinken. Sie erwarten aber von ihren Kollegen in der arabischen Welt, dass auch dort selbstkritische Fragen gestellt werden. Es braucht mehr Menschen vom Schlage Abbas Beydouns.

Wünschenswert ist, dass sich die Intellektuellen zu einer transnationalen Gemeinschaft verbünden, die nicht im Namen des Staates oder der Nation ihre Stimme erheben, sondern im Namen der Menschheit. Intellektuelle sollten die Verletzung der Würde des Menschen verurteilen und gegen Mord und Totschlag protestieren. Sie sollten Ursachen ergründen und die Verantwortlichen für Untaten ausfindig machen – auch im „eigenen“ Lager.

Wir dürfen uns unserer Verantwortung nicht entziehen. Wir Intellektuellen im Nahen Osten, in aller Welt, auch ich als Intellektueller in Israel – wir alle haben versagt. Es ist uns nicht gelungen, die Waffe als Mittel der Problemlösung zu delegitimieren, die Logik des Militärs zu überwinden und rechtzeitig und effektiv vor dem kommenden Krieg und seinen Folgen zu warnen.

Der Autor lehrt Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem und lebt in Tel Aviv.

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