Kultur : Unsere Besten

Wo früher Futter fürs Vieh verkauft wurde, gibt’s heute Feines für den Menschen

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Dagmar und Heribert von Reiche in ihrem Feinkostladen in Wannsee. Foto: Thilo Rückeis
Dagmar und Heribert von Reiche in ihrem Feinkostladen in Wannsee. Foto: Thilo Rückeis

Es ist, als würde man in eine andere Welt treten. Eine lauschige Oase, in der die Menschen freundlich sind, die Torten köstlich, die Steine alt und das Angebot jung. Dort, wo die Großstadt noch richtig Dorf ist, im Herzen von Wannsee, liegt Mutter Fourage, ein kopfsteingepflasterter Hof mit Kunstscheune, blühender Gärtnerei und einem hübschen Café. Das betreiben Dagmar und Heribert von Reiche seit zehn Jahren; im letzten Jahr haben sie auch das dazugehörige kleine Lebensmittelgeschäft übernommen, einer der ältesten Bioläden Berlins, haben ihn renoviert und unter dem Namen „Feine Kost“ neu eröffnet. Auf das Bio-Label haben sie verzichtet, auch wenn die Mehrzahl der Produkte Bio sind: um die Freiheit zu haben, auch schön verpackte Köstlichkeiten von kleinen Herstellern anzubieten, die nicht zertifiziert sind.

Dort, wo früher Futter fürs Vieh vertrieben wurde – auch Heribert von Reiche, gebürtiger Wannseeer, hat als kleiner Junge hier fürs Kaninchen eingekauft – werden nun Weinbergpfirsichlikör angeboten, Birnenessig, Hackepeter vom Bunten Bentheimer Schwein, Edelkastanienhonig, Gletscherkäse aus dem Inntal, Mangobrotaufstrich vom Gartenhaus Testorf – „die beste Marmelade überhaupt“. Auch ein Kochbuch kann man hier, und nur hier kaufen, mit Rezepten von Dagmar Wohlgemuth-von Reiche, die eigentlich Biologin ist und in der winzigen Küche des Hofcafés vorzugsweise Aufläufe und Suppen zubereitet. Und es gibt das feine Porzellan von Stefanie Hering, das auch Sternerestaurants schätzen. Ihr Gesellenstück, ein Kronleuchter aus 66 Porzellanlämpchen, hängt nun hier im Laden.

Dass die Reiches Spaß am Essen, an schönen Dingen und an Menschen haben, müssen sie nicht extra erklären. Sonst würde es auch schwierig. Café und Laden haben sieben Tage die Woche geöffnet, auch an Pfingsten, das heißt, dass die beiden sieben Tage die Woche arbeiten. Im Winter haben sie sich den ersten langen Urlaub seit Jahren gegönnt. Die beiden sind nach Südafrika gefahren und haben dort einige der Winzer besucht, deren Weine sie verkaufen. Strahlend berichten sie von der Reise. „Wenn man nur so wenig Platz und ein kleines Angebot hat, muss man schon zu jedem Wein eine Geschichte erzählen können.“

„Hallo Anja, geht’s Dir wieder besser?“, wird eine junge Frau mit ihrer kleinen Tochter begrüßt. Es kommen viele Stammkunden in den modernen Tante-Emma-Laden, aber auch Berliner aus allen Bezirken. Denn das Schöne ist, dass man hier das Nette mit dem Nützlichen verbinden kann. Auf dem Rückweg vom Ausflug nach Potsdam kehrt man im Hofcafé ein, und genießt zwischen Terrakottatöpfen sitzend, mit Blick auf das schöne alte Taubenhaus (das ein Bühnenbildner vom Grips-Theater gebaut hat), vor sich die Maiglöckchen auf dem Gartentisch, die üppige Friesentorte. Und hinterher kann man die Clematis für den Balkon, das Kräutersalz, die Radieschen und den südafrikanischen Shiraz fürs Abendessen kaufen. Susanne Kippenberger

Feine Kost und Hofcafé bei Mutter Fourage, Chausseestraße 15a, Berlin-Wannsee, Tel. 805 832 83, www.hofcafe-berlin.de

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