Kultur : Unsere Doppelleben

Wir wohnten im litauischen Vilnius, doch wir träumten von Paris /Von Jurga Ivanauskaite

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Ich bin jetzt 42 Jahre alt. Ich habe also über 25 Jahre meines Lebens hinter dem Eisernen Vorhang verbracht. Dabei habe ich mich, so paradox es klingen mag, nie als homo sovieticus gefühlt, sondern als Europäer. Das hatte nicht nur mit Litauens geografischer Lage zu tun oder unserer Zugehörigkeit zur indoeuropäischen Sprachgruppe. Es war ein tieferes Gefühl, eine innere Entscheidung, eine spirituelle Selbstbestimmung.

Eine wichtige Rolle für unser „europäisches Gefühl“ spielte die Tatsache, dass viele westliche Kultursymbole und Produkte in der Sowjetunion unerwünscht waren, verleugnet oder gar verboten. Doch die Suche nach der verbotenen Frucht ist immer beschwerlicher als die Suche nach den Dingen, die man gratis bekommt.

Schon heute, 14 Jahre nach unserer Unabhängigkeit, kann man sich kaum noch vorstellen, dass die verbotene Frucht bis vor kurzem noch nach den Büchern von Meister Eckhart oder Friedrich Nietzsche schmeckte, nach Alben von den Beatles und den Rolling Stones, Filmen von Antonioni, Bergman und Fellini sowie Gemälden von Dalí oder Magritte. Wir lasen nicht nur Samisdat-Versionen von Andrej Sacharov, Alexander Solschenyzin und Joseph Brodsky, sondern auch die Bibel, C.G. Jung und Sigmund Freud, James Joyce und Antonin Artaud.

Samisdat-Bücher hatten die Eigenschaft, dass man sie immer nur kurz ausleihen konnte. Es war also oft nötig, mehrere hundert Seiten in ein paar Nächten zu lesen. Wir kauften unsere Schallplatten auf illegalen Märkten in den Vorstädten oder sogar in den Wäldern, immer in der Gefahr, dass die Miliz zuschlagen könnte. Auch der Besuch eines „verbotenen Films“ war risikoreich, denn zu Sowjetzeiten gab es spezielle Vorstellungen für die Nomenklatura. Solche Vorstellungen konnte man nur mit einer Sondererlaubnis besuchen. Miliz und KGB-Agenten bewachten die Gebäude, in denen die Filme gezeigt wurden.

Ich studierte damals an der Kunsthochschule, und wir malten die Erlaubnisscheine einfach von Hand nach. Um einen Kopierer benutzen zu dürfen, hätten wir noch eine andere Sondererlaubnis gebraucht. Den fraglichen Stempel konnten wir mit Hilfe eines heißen, hart gekochten Eis übertragen. Manchmal sammelten die Kontrolleure am Einlass mehr als doppelt so viele Einlasspapiere ein, wie gedruckt worden waren. Wer den Schein nicht nachzumachen wusste, konnte noch immer durch ein offenes Klofenster ins Innere gelangen. Ich erzähle das nicht zur Belustigung, sondern um zu erklären, dass die verbotenen Filme für uns nicht nur Symbole europäischer Kultur, sondern der Freiheit selbst waren.

Zu Sowjetzeiten führten wir ein Doppelleben. Wir studierten Marxismus-Leninismus, sozialistische Wirtschaft und Atheismus, zugleich waren wir Hippies und Punks und träumten davon, in Berlin, London oder Paris zu leben. Nur weil wir Jeans trugen und lange Haare, hatten wir „besondere“ Treffen mit Major Kozlov, der für „Drogen, Prostitution, falsche Philosophie und Religion“ zuständig war. Auf diese Weise war unser Verhalten Widerstand gegen das Regime und eine innere Emigration, die manchmal in Alkoholismus, Drogensucht oder Selbstmord endete.

Natürlich war unsere Selbstaufopferung auf dem Altar der Freiheit erbärmlich, verglichen mit den Opfern der litauischen Guerilla, den Märtyrern in Sibirien, den Dissidenten oder den Verlegern der „Katholischen Chronik“, der Enzyklopädie des litauischen Widerstands. Doch alles gehört zu unserem langen Weg nach Europa, zu unserem „europäischen Gefühl“.

Wenn ein Traum wie das „europäische Gefühl“ Wirklichkeit wird, knüpfen sich daran immer neue Probleme, Enttäuschungen, sogar Verluste. Wie jede kleine Nation haben wir Angst, unsere Identität an einen größeren und mächtigeren Verbund zu verlieren – zumal wir schon einmal die Erfahrung gemacht haben, Teil einer Union zu sein. Aus dieser Erfahrung kommen einige der litauischen Minderwertigkeits- und Überforderungskomplexe, aber auch Überlegenheitsgefühle und Größenwahn.

Wir beschweren uns gerne, dass wir in einem fernen europäischen Hinterland leben. Wir reagieren erbost, wenn Litauen in Jonathan Franzens Roman „Die Korrekturen“ als wildes Land erscheint, wenn es über den berüchtigten Kino-Kannibalen Hannibal Lecter heißt, er „sei irgendwo in der Nähe von Vilnius geboren“, oder wenn Hollywood-Star Mel Gibson im Spaß bemerkt, die Litauer, das seien doch „diese Leute mit den Biberzähnen und den Baseball-Schlägern“.

Zugleich sind wir stolz darauf, die letzten Heiden Europas zu sein und, als echte Katholiken, unser Land „das Land der Jungfrau Maria“ zu nennen. Wir sind stolz darauf, die älteste Sprache zu haben, die dem Sanskrit sehr nahe steht, und wir malen uns aus, wir seien die tiefsten und spirituellsten Geschöpfe des Planeten. Mit alledem hängt die litauische Klaustrophobie zusammen, die Fremdenangst, der Rassismus oder Antisemitismus und, als Reaktion auf solche Auswüchse, ein lautstarker Kosmopolitismus oder sogar Anti-Patriotismus der jüngeren Generation und von Teenagern.

Wenn ich an Litauens Mitgliedschaft in der Europäischen Union denke, hoffe ich, dass all diese Befürchtungen und Neurosen geheilt werden. Ich glaube nicht an plötzliche Wunder, deshalb erinnere ich mich gerne an die biblische Parabel über Moses, der seine Nation 40 Jahre lang in die Wüste führte und darauf wartete, dass die Generation der Sklaven starb.

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