Kultur : Unsere Gespenster leben noch

Endzeitspiele in Bayreuth: zur Wiederaufnahme von Keith Warners „Lohengrin“-Inszenierung

Christine Lemke-Matwey

Zum ersten Mal seit 1945 berichtet in diesem Jahr nicht nur die israelische Presse, sondern auch das israelische Staatsfernsehen vom Geschehen auf dem Grünen Hügel. Er wolle, so der Journalist Daniel Dagan, das Bild von „Nazi-Bayreuth“ korrigieren und mehr Sachlichkeit in die Wagner-Diskussion bringen. Die musikalischen Errungenschaften Wagners könne man nicht wegdiskutieren.

Marthalers „Tristan“ und Claus Guths „Holländer“ mögen ihm dabei als typische Phänomene des europäischen Regietheaters erscheinen, Philippe Arlauds „Tannhäuser“ als kunterbuntes Kitschbonbon und Schlingensiefs „Parsifal“, nun ja, als Angriff unserer gesammelten Lebensrealitäten auf die Wagner-Bühne. Der „Lohengrin“ aber, zumal in Keith Warners Zurichtung als düstere gothic novel, dürfte ihm Probleme bereiten.

Gewiss, Stefanos Lazaridis’ Bühne legt ganz Brabant kurzentschlossen unter eine Decke aus Asche und Lava: kalte tote Materie, lang verglüht, ein nachtschwarzes, mythisches Pompeij. Was sich hier abspielt, sagen diese Bilder, ist der definitiv letzte Versuch, so weiterzumachen wie bisher. Und wenn sich am Ende die Erde auftut und Lohengrin den ritterlichen Retter verschluckt, während oben, ganz oben Gottfrieds Kindersilhouette vor einer milchblassen Mondscheibe in sich zusammensackt, dann spätestens ist klar: Das wird nichts mehr. Das Ende ist nah, das Ende ist da, und es hat vor allem damit zu tun, dass hier fünf Stunden lang mit Rüstungen geklappert, marschiert und „Heil!“ geschrien wird.

Nichts gegen den Bayreuther Festspielchor, der seine Aufgabe in absolut hinreißender Weise erfüllt. Die regelrecht intuitive Geschlossenheit der Stimmgruppen, diese Durchhörbarkeit selbst in der allergrößten Klangmassierung! Chordirektor Eberhard Friedrich hat hier einmal mehr Hervorragendes geleistet.

Die Frage freilich, ob Keith Warners szenische Endzeitmetapher ausreicht, um dem Geschehen seine erlösungsbesoffene, heldenkultische Spitze zu nehmen, sie bleibt einem an diesem Abend im Nacken sitzen. Ist es nicht vielmehr so, dass die gestrengen choreografischen Stilisierungen der Problematik des Stücks eher noch Vorschub leisten (außerdem: Elsa als blondlockiges Schwanenkind, Ortrud und Telramund, die „Bösen“, als Lemuren aus der Unterwelt!)?

Peter Schneider am Pult des Festspielorchesters treiben, was sein gutes Recht ist, solche Gedanken nicht um. Er gibt der Partitur schmetternde Brillanz, wo solche gefragt ist, scheut er vor den epischen Breiten der Chortableaus nicht zurück und versteht sich im Brautgemach des dritten Aktes ganz wunderbar auch aufs Lyrisch-Liedhafte, ohne jemals gefühlig zu werden. Im ovationösen Applaus für die Sänger scheint sich schließlich die „Tristan“-Depression des Vorabends entladen zu wollen: für Linda Watson und Hartmut Welker als zupackendes, kaum je klangschönes „Bösen“-Paar, Petra-Maria Schnitzer als heftig überforderte Elsa und Peter Seiffert mit kräftigen, strahlenden Höhen auf weiterhin gutem Weg ins dramatische Fach.

Aus Anlass des 75. Todestages von Cosima und Siegfried und des 25. von Winifred Wagner widmet das diesjährige Bayreuther Festspielbuch den drei ehemaligen Festspielleitern ein kleines Gedenken. Zehn Fotoseiten, ein launiges Blättern im Familienalbum des Clans, alles sehr auratisch. Dass Hitler alias „Onkel Wolf“ hier nicht zu entdecken ist, lässt sich sicher damit erklären, dass ihn dann doch keine echten Blutsbande mit der Familie verknüpften.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben