Kultur : Unsere kleine Farm

Neue Stimme, alter Charme: Bruce Springsteen in Frankfurt

Esther Kogelboom

Sie buhen ihn aus. Oder? Nein, 8000 rufen „Bruuuuce“. Das hört sich fast genauso an. Springsteen muss sich im Lauf der Jahrzehnte an diesen Klangteppich gewöhnt haben. Er steht ganz vorn, am Rand der Bühne, und grinst. Die Gitarre pendelt um seinen Hals. Vor ihm wogt ein Meer aus Händen, hinter ihm dämmert die See im Abendrot, die riesigen Schatten der Kronleuchter segeln als Piratenschiffe darüber. Die letzten Takte eines Shantys verdampfen, und die Frankfurter Festhalle gerät ins Schwanken.

„You are very well prepared“, sagt Springsteen. Tatsächlich: Seine vor Freude seekranken Fans können jede Zeile von „Pay Me My Money down“, einem uralten Matrosenlied, mitsingen. Springsteen bedankt sich für das Vertrauen. Er habe mal etwas Neues ausprobieren wollen. Für die nächsten Stunden sind „Born to run“ und „Born in the USA“ gestorben. Egal: „Bruuuce …“

Neu ist, dass Springsteen eine Folklore-Platte mit Pete-Seeger-Songs aufgenommen hat, darunter auch dessen größter Hit „We Shall Overcome“. Dazu hat Springsteen ein Dutzend Musiker auf seine Ranch nach New Jersey eingeladen, wo er mit seiner zweiten Frau und ersten Backgroundsängerin Patti Scialfa lebt. Herausgekommen ist „The Seeger Sessions“. Die „E-Street Band“ macht Pause. Nun spielt Springsteen mit Straßenmusikern, Fiddlern, Blechbläsern, Steel Paddlern und Gospel-Virtuosen, deren ungezähmte Spiel- und Singfreude ihn in den besten Momenten des Konzertes gerührt dastehen lässt.

Springsteen ist der Alte geblieben. Er trägt immer noch – ein Look, den Kate Moss von ihm abgeschaut haben muss – schwarze Röhrenjeans, ein weißes Hemd und eine schwarze Weste. Er macht immer noch den Parallelschwung, so, als bewege er sich auf Skiern steil bergab. Er lässt sein unsichtbares Lasso durch die Luft fliegen. Und er denkt daran, den Verehrern seines früheren Werks zwischen Gospel, Dixie und Swing eine SMS zu schicken: So phrasiert er auf einmal Textzeilen aus „Open All Night“, dem achten Song vom 1982er-Album „Nebraska“. Es ist ein Augenblick flüchtig-süßer Depression mitten im bunten Mardi Gras.

Was sich verändert hat: die Stimme. Sie klingt tiefer, kratziger, versoffener. Weniger nasal, männlicher. Mit dieser neuen Stimme erzählt Bruce Springsteen kurz von den Verwüstungen, die der Hurrikan „Katrina“ in New Orleans angerichtet hat, vom Versagen des Präsidenten, von der „Wiege amerikanischer Musik“. Das Lied „My Oklahoma Home“, geschrieben von Pete Seeger 1961, bekommt eine bedrückende Aktualität – obwohl New Orleans nachweislich im Bundesstaat Louisiana liegt. „My Oklahoma Home“, singt Springsteen. „It blowed away“, echot das verliebte Publikum. Sie haben sich wirklich vorbereitet, die Fans. Sie kennen jede Zeile der neuen Springsteen-Songs, die seit Ende April zu haben sind.

Auch seine Fans sind und bleiben die Alten. Sie tragen die heiligen Tour-T- Shirts aus den Achtzigerjahren über runden Bäuchen. Väter schunkeln mit feuchten Augen an der Seite ihrer hübschen Töchter. Die Töchter versuchen vollkommen abgeklärt MTV-Moves zu „Jesse James“. Springsteens einziges Deutschland-Konzert wird zur riesigen Party. Die Bühne sieht aus wie eine Schießbude, an deren Stirn eine überdimensionale Gürtelschnalle prangt. Dazu passen die Hosenträger, Schlapphüte und Schiebermützen aus dem Fundus der Fernsehserie „Unsere kleine Farm“.

Einer der Höhepunkte des Abends: die Gänsehaut-Hymne „Eyes On The Prize“. Die schleppende Daueranklage ist der unschlagbare Beweis dafür, dass Springsteen Recht hat, wenn er sagt: „Wir spielen diese Musik nicht einfach, wir machen sie.“ Mitreißend, ihm dabei zuzusehen. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch auf der dem Album beigelegten DVD, auf der man Sessions auf Springsteens rustikaler Ranch anschauen kann. Nichts sei groß geplant gewesen, erklärt er im Booklet. Er habe nur den Song vorgegeben, der Rest sei von ganz allein passiert.

Die Ausdauer Springsteens, was die Länge seiner Konzerte betrifft, ist legendär. So auch in Frankfurt: Bald drei Stunden dauert das Spektakel, kaum einer traut sich, zwischendurch aufs Klo zu gehen oder Bier zu holen, es gibt zwei großartige Zugaben, zwischendurch ohrenbetäubenden Jubel. Sogar die eigentlich abgenudelte New-Orleans-Erkennungsmelodie „When The Saints Go Marching In“ gerät unter Springsteens Regie zu einem völlig so noch nie gehörten Abendgebet. Nein, Springsteen bedient sich nicht der schier unerschöpflichen, verlockenden Ressourcen seiner Band. Er will eigentlich nur leise „Gute Nacht“ sagen, als plötzlich ein grauhaariger Mann im schwarzen Anzug auf die Bühne stürmt. „Ah, my friend Wolfgang“, sagt Springsteen. Auf den Rängen zücken sie erschrocken die Operngläser. Tatsächlich: Es handelt sich um Wolfgang Niedecken, den kölschen Bob Dylan. Er darf bei „Buffalo Gals“ mitsingen – Niedecken beugt sich über dasselbe Mikrofon wie der „Boss“. Springsteen klopft ihm wohlwollend auf die Schulter. Doch Niedecken wirkt plötzlich sehr einsam.

Draußen, vor der Frankfurter Festhalle, gibt es Tumulte um die Verkaufsstände der T-Shirts. Dann beklatschen sie sogar noch den vorbeifahrenden Tourbus. Aus einem Autofenster dringen die ersten Takte eines dreißig Jahre alten Schlagers in die Nacht. Gefühlte hundert Väter schwenken ihre Shirts und gröhlen begeistert mit: „Cause Tramps like us, Baby we were born to run .“ Der Tourbus hupt ein paar Mal, bevor er Richtung Highway verschwindet.

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