Kultur : Unsere kleinen Revolutionen Magdeburg feiert sich – und Hundertwasser

Michael Zajonz

Zum Stadtjubiläum spendiert sich die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts eine große Ausstellung: „Magdeburg 1200“. Das Kulturhistorische Museum versucht mit ihr an den Erfolg der Ausstellung „Otto der Große, Magdeburg und Europa“ anzuknüpfen, die vor vier Jahren über 300000 Besucher anlockte. 2000 Objekte hat das Kuratorenteam um Tobias von Elsner im eigens renovierten Museumsbau platziert. Wer in der Mitte des chronologischen Rundlaufs – da steht man immer noch im Mittelalter – angekommen ist, meint, er hätte bisher nur Keramik gesehen. Jungsteinzeitliche Gefäße, solche aus der Völkerwanderungszeit und spätere, die sich für Laien jedoch nicht sonderlich unterscheiden; dazu Münzen, Knochen und sogar ein Zinnfiguren-Diorama: Der Parcours ächzt unter der Dominanz der Landesarchäologie.

Diese Bodenhaftung hat historische Ursachen. Zwar hatte sich Magadoburg, wie die Stadt in ihrer ersten urkundlichen Erwähnung 805 im Diedenhofener Kapitular Karls des Großen genannt wird, mit der Bautätigkeit Kaiser Ottos I. von einem Grenzpunkt der Zivilisation zur mittelalterlichen Bischofs- und Kaiserresidenz gemausert. Nur übrig geblieben ist von der einstigen Pracht kaum etwas. Zweimal ging Magdeburg fast vollständig zugrunde: 1631 durch die kaiserlich-katholischen Truppen General Tillys, 1945 im Bombenhagel der Alliierten.

Ihre heutige Identität gewann die Stadt unter preußischer Hoheit – besonders seit der Industrialisierung. Hier verkehrt sich nun das subjektive Zeitempfinden des Besuchers beim Rundgang vom relativen Gleichmaß in rasendes Tempo: Stand man gerade noch bei Friedrich dem Großen, dessen Frau Elisabeth Christine während des Siebenjährigen Krieges in der Festung Magdeburg Hof halten musste, findet man sich schon inmitten der Gründerjahre wieder. Revolutionen und Republiken im Sauseschritt. Und über lokale Nazigrößen gibt es nicht viel mehr zu erfahren als Namen und Lebensdaten. Allzu tief gründet dieser Rundumschlag von 1200 Jahren Stadtgeschichte nicht (bis 4. September).

Bunt geht’s am anderen Ende der Otto- von-Guericke-Straße zu: Dort strebt das umstrittene letzte Architekturprojekt des vor fünf Jahren gestorbenen Maleroriginals Friedensreich Hundertwasser seiner Vollendung entgegen. Die „Grüne Zitadelle“, ein täglich farbenfroher werdendes Wohn- und Geschäftshaus in Sichtweite des Domes, soll am 2. Oktober eröffnet werden. Als Fotomotiv für Touristen ist der in Beton und Butzenscheibenästhetik gegossene Kindheitstraum eines notorischen Weltverbesserers schon jetzt kaum zu toppen.

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