Kultur : Unsere Leichen labern noch

Dimiter Gotscheff entrümpelt Tschechows „Iwanow“ an der Berliner Volksbühne von allen Samowar-Klischees

Peter Laudenbach

Die Bühne ist leer geräumt bis zum Rundhorizont. Nach und nach tauchen hinten, ganz hinten in der Tiefe vereinzelte Gestalten auf. Sehr verloren stehen sie an der Rückwand, ein Tableau vereinsamter Menschen. Nebel füllt den leeren Bühnenraum, die triste Gesellschaft findet sich zu einem gespenstischen Ball zusammen und tanzt zu einem süßlichen Musikbrei durch die Milchsuppe. Die klebrige Sound-Kulisse (collagiert vom Musik-Konzept-Künstler Sir Henry) ist hinterhältig. Sie zitiert ein ziemlich unmissverständliches Leitmotiv: „It’s time to say goodbye.“

Wir haben es an diesem Abend in der Berliner Volksbühne mit einer trostlosen Spaßgesellschaft zu tun, die sich nach nichts mehr sehnt als nach dem eigenen Untergang. Dimiter Gotscheff, ein denkbar unsentimentaler Regisseur, hat Anton Tschechows „Iwanow“ schroff entschlackt. Seine Inszenierung entfaltet Variationen des Lebens- und Selbstekels, die ebenso auf die Gegenwart wie auf das vorrevolutionäre Russland des späten neunzehnten Jahrhunderts zielen. Keine wohlige Melancholie. Nicht der Old-School-Kitsch der Tschechow-Klischees, keine beim Samowar plaudernden Theaterrussen in weißen Leinenanzügen, keine elegischen Tschechow-Seufzer auf schönen alten Polstermöbeln. Stattdessen: Der ungepolsterte Überdruss der Figuren, die schutzlos auf der leeren, von Nebelschwaden in ein diesiges Licht getauchten Bühne stehen (Bühne: Katrin Brack). „Und zum Schluss bekommt der Zuschauer eins auf die Schnauze“, wie Tschechow seinem Bruder im Oktober 1887 triumphierend meldet, kurz nachdem er sein erstes großes Theaterstück in wenigen Tagen geschrieben hat. Das lässt sich Gotscheff nicht zweimal sagen. Seine Inszenierung kommt vom ersten Auftritt an ohne Wohlfühlfaktor und freundliche Identifikationsangebote aus.

Dabei würde, etwas Verlogenheit vorausgesetzt, die Titelfigur eine so schöne Vorlage für die in der Restauration (und den Restaurants) der Berliner Republik versackten Alt-Achtundsechziger abgeben – sozusagen als Angebot, die eigene Larmoyanz lustvoll auszukosten und angesichts der Desillusionierungsprozesse seit den Aufbrüchen bewegter Jugendtage wohlig zu erschaudern. Gotscheffs Sicht ist härter. Er will den Abschied von den zerbrochenen Revolutionsträumen nicht mit Selbstmitleid abfedern. Hier führt der lange Lauf zu sich selbst nicht in schöne Ämter, sondern in die Depression. Iwanow muss einst, in seinen idealistisch befeuerten Studentenjahren, ein hinreißender Mensch gewesen sein, so hinreißend, dass sich Anna Petrowna glühend in ihn verliebt und für seine Liebe mit ihren reichen Eltern gebrochen hat.

Zu Beginn des Abends ist davon wenig übrig geblieben. Die Liebe: irgendwann in Bitterkeit umgekippt. Die Ideale: verdorrt. Iwanow: ein nervöses Nervenbündel. Aus dem jungen Mann, der die Welt, oder zumindest die rückständigen Wirtschaftsmethoden, ändern wollte, ist ein resignierter Kauz geworden. Seine Frau erträgt er nur noch mit Mühe, die Depression frisst an ihm, mit Ende dreißig ist er sterbensmüde. So müde, dass er gleich zu Beginn des Abends immer wieder einen Satz sagt, der nicht im Stück steht: „Ich habe so lange keinen Champagner mehr getrunken.“ Das sollen, so die Legende, die vorletzten Worte Anton Tschechows auf dem Sterbebett gewesen sein. Dezent blendet Gotscheff den Dichter und seine Figur Iwanow ineinander, beiläufig variiert er das Todesmotiv. Die letzten Worte Tschechows („Ich sterbe“) tauchen dann, herausgehoben im Redefluss, fast gesungen, in vielen Variationen wiederholt, ganz am Ende wie ein gespenstisches Echo im Schlussmonolog Iwanows auf – während nicht er, sondern seine Frau stirbt.

Am Ende fallen, wie die Leichen, die die Lebenden bald sein werden - oder bei Lebzeiten schon sind - Puppen-Doppelgänger aller Figuren vom Bühnenhimmel. Das Stück versinkt in einem Leichen-Regen. It’s time to say good-bye. Samuel Finzi hält seinen Iwanow klug und beunruhigend in der Ambivalenz. Gerade als man anfängt, Mitgefühl mit ihm zu entwickeln, lässt Finzi den narzisstischen Gefühlskrüppel ahnen. Und spätestens als Iwanow und sein Freund aus Studententagen, der reiche Lebedew, von alten Zeiten schwärmen, ahnt man, dass sie schon damals Widerlinge gewesen sein müssen: auftrumpfend, laut, eitel.

Wolfram Koch macht aus der Nebenfigur Lebedew die bösartig genaue Studie eines verfetteten Biedermannes, der, anders als Iwanow, unter seiner Resignation nicht einmal leidet. Wie Koch das mit wenigen Auftritten entwickelt, ist umwerfend. Gegenpol dieser trägen Kümmerlinge ist ein lebenspraktischer Mensch, der für die verzärtelten Herrschaften nur Verachtung übrig hat: der Gutsverwalter Borkin. Milan Peschel gibt ihn robust berlinernd, und sehr komisch. Silvia Rieger als Gattin Lebedews hat einen bizarren, aber energischen Opernauftritt, die tolle Birgit Minichmayr stattet die Liebesgefühle ihrer Sascha mit der Durchschlagskraft eines russischen Panzers aus.

Der Abend ist anstrengend, gnadenlos unkitschig und wahrscheinlich die intelligenteste Auseinandersetzung mit Tschechow, die man zurzeit in der westlichen Welt sehen kann.

wieder am 22.3., 2.4. und 17.4.

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