Kultur : Unseren japanischen Freunden Berliner Benefizkonzert mit Barenboim und Rattle

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Eine Premiere aus tiefer Not. Es ist das erste Mal, dass die beiden Spitzenorchester der Stadt zum gemeinsamen Konzert in die Philharmonie laden. Die Staatskapelle Berlin und die Berliner Philharmoniker treffen zusammen, um wenigstens ein Scherflein zur Unterstützung der Unicef-Hilfe in Japan beizutragen. Vordringlich sei, nach der verheerenden Katastrophe den zahllosen obdachlosen Kindern mit konkreter Hilfe beizustehen. Beide Chefdirigenten, Daniel Barenboim und Simon Rattle, sprechen von „unseren japanischen Freunden“. Denn die Berliner Musiker sind in Japan sehr willkommen und die Beziehungen eng.

In rührender Weise bedanken sich indes die japanischen Musiker unter den Berliner Philharmonikern „im Namen aller Japaner“ bei den Kollegen und Konzertbesuchern für die Solidarität. Die Atmosphäre des Abends ist außerordentlich. Auf dem Programm stehen die „Pathétique“ von Tschaikowsky, die Barenboim grandios in ihrem Pathos mit Kontrolle und Feuer erfasst, und die Vierte von Johannes Brahms.

Ein programmatischer Zufall will, dass sich Gleich und Gleich gesellt, nämlich Brahms mit Brahms, Symphonie Nr. 4. Die dirigiert Barenboim am Vorabend im Konzerthaus in einem Abo-Konzert der Staatskapelle, das er ungarisch einleitet. „Opus 27 Nr. 2“ – klingt nach Beethoven. György Kurtág aber macht aus diesem Werktitel seines Doppelkonzerts für Klavier und Violoncello kein ehrerbietiges Suchspiel nach Partikeln der Mondscheinsonate, sondern empfängt die klassische Aura über Bartók und dessen „Muttersprache“ Beethoven. Die Staatskapelle konzertiert mit Michael Wendeberg und ihrem vorzüglichen Solocellisten Claudius Popp. Von Bartók selbst gibt die „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ Barenboim Gelegenheit, einen sehr leisen, schattigen Anfang wie bei Bruckner zu zaubern. Was die Streicher dann in zwei Gruppen an Wohlklang bis ins Pizzicato vollbringen, lässt sich schwer überbieten. Von Ungarn ist der Weg zu Brahms nicht weit.

Aber was zählt der Vergleich zweier Lesarten der vierten Symphonie, wo es hauptsächlich um die Notwendigkeit der Kunst geht, dem Leben zu dienen? Barenboims Interpretation hebt in großem Bogen mit dem weitgeschwungenen Hauptthema an und wahrt auch bei gesteigerter Ekstase Geschlossenheit. Im Variationensatz fällt das wahrhaft jubilierende Solo der jungen Flötistin Claudia Stein auf. Das ist noch der Vorabend.

Im Benefiz geht die e-Moll-Symphonie dann an Simon Rattle und die Philharmoniker: Schönheiten im Detail, dichterer Klang des dichten Orchestersatzes, die Zusatzinstrumente im Scherzo, Piccolo und Triangel, weniger herausgehoben. Volle schäumende Intensität. Die Aufführung reflektiert das Hochgefühl der Stunde. Gipfeltreffen der Berliner Klassikszene. Ein Maestro vor seinem Orchester auf der Bühne, der andere jeweils im Zuschauerraum. Konzertmeister Daishin Kashimoto umarmt beide Dirigenten. Sybill Mahlke

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